Das Ganze, das sich Leben nennt
23. Mai 2012
Die Ironie des Sonnenbrandes
Die Ironie dieser Geschichte handelt von mir, die sich gegen ein Durchfeier-Wochenende in der größten Stadt Kameruns, Douala, entscheidet und stattdessen lieber in das kälteste Dorf des Landes reist.
Eigentlich hatte ich vorgehabt, gemeinsam mit Astrid über Himmelfahrt und den Nationalfeiertag (20. Mai – Tag der Wiedervereinigung Kameruns) nach Limbe ans Meer und anschließend nach Douala aufs P-Square-Konzert zu gehen. Da jedoch der Freitag hier kein Brückentag war, war ich gezwungen, in Bamenda zu bleiben, um zu arbeiten. Normalerweise wäre ich dann direkt Freitagnacht nach Douala gefahren, aber dazu hatte ich keine Lust. Es ist nicht so, dass ich nicht gerne den nigerianischen Popstar gesehen hätte, den ganz Kamerun verehrt und dessen Lieder man mindestens drei Mal am Tag irgendwo hört. Es war vielmehr so, dass ich mir lieber noch die Regionen um Bamenda, meine Region, anschaue und in der nahen Umgebung herumreise. Genau das habe ich dann auch gemacht. Samstagmorgen habe ich mich mit Astrid auf den Weg nach Ndu gemacht, 5 Stunden im Kleinbus. In einem solchen Kleinbus, mit 12 Sitzplätzen, in dem ich es mir jedoch auf der Strecke Bamenda – Ndu mit 23 Passagieren „bequem“ gemacht habe. Beinfreiheit ist somit nicht vorhanden und die arme Astrid hing die gesamte Fahrt über mit einer Pobacke in der Luft. Jedenfalls kamen wir am späten Nachmittag an und es wehte ein ziemlich frischer Wind. Frischer, als er es in Bamenda tagsüber üblich ist. Nachdem ich mich dick eingepackt hatte, haben wir einen Abstecher zu einer amerikanischen Missionarsfamilie gemacht, die so ganz anders war, als ich sie mir vorgestellt hatte. Lance und Debbie, zwei Mittdreißiger gebürtig aus Kansas und Idaho, haben mich mit ihren Kindern direkt willkommen geheißen und direkt zu Tisch gebeten: Es gab selbstgebackene Pizza. Mit Käse! Drei ihrer Kinder saßen mit uns am Tisch, die anderen beiden gehen in Yaoundé aufs Internat. Das war ein so schönes Gefühl, mit einer Familie wirklich am Esstisch zu sitzen und zu quatschen. Familiär eben. In dem Moment habe ich meine eigene Familie besonders vermisst. Aber bald kann ich ja wieder dabei zusehen, wie am eigenen Esstisch Gläser verkippt werden, sich um die letzte Scheibe Gekochten Schinkens gestritten wird aber wir alles in allem froh darüber sind, nicht alleine zu Abend essen zu müssen. Nach einer Tasse wurden wir beide sicher im Pick-Up zu Astrid nach Hause gebracht, wo ich mit Leggins, Schal, Kaputzenpulli und Wollsocken einen tiefen Schlaf fand. Am nächsten Morgen haben wir es uns dann in der Sonne direkt an der Ringroad (ziemlich bekannte Strecke, die durch den Nordwesten des Landes führt) zum Frühstück bequem gemacht. Danach stand auch direkt schon die Feier am Markt an, wo unzählige Klassen marschierten. Das Marschieren ist ein Spektakel für sich. Darüber jedoch ein anderes Mal mehr. Später am Tag zog es uns noch einmal zur amerikanischen Familie, mit denen wir ein Stück spazieren gingen und im Wald Karten spielten, lasen und uns unterhielten, bevor wir es uns abends alle auf der Couch gemütlich machten und eine DVD auf der hauseigenen Leinwand schauten. Ein schöner Tag, der jedoch mit einem heftigen Sonnenbrand endete. Jetzt mal ernsthaft. Ich fahre in den Norden Kameruns, der zum Großteil aus Wüste besteht und wo es wirklich heiß ist. Ich fahre nach Kribi und Limbe an den Atlantik und komme jedes Mal ohne einen Sonnenbrand zurück. Und nun bin ich ins kälteste Dorf Kameruns gefahren und kann mich wahrscheinlich in Kürze wie eine Schlange häuten.
Zurück ging es so komfortabel, wie es nur geht. Ich fuhr in einem Privatauto in zweieinhalb Stunden zurück nach Bamenda, ohne etwas dafür zu bezahlen. So etwas hatte ich wirklich noch nie in meiner Zeit hier erlebt.
Ich habe in Bambui an der Uni gestoppt, um Norra zu besuchen. Wir haben ein bisschen im Studentenwohnheim gechillt, bis Phil überraschend vorbeikam und wir dann in die Campus-Bar gezogen sind, um ein Bier zu trinken. Es war ein unglaublich entspannter und lustiger Nachmittag und ich werde demnächst wirklich öfter bei ihr vorbeischauen, so lange ich noch die Gelegenheit dazu habe.
15. Mai 2012
Neuzeit
Eigentlich sollte es nur eine Mail an einen Freund werden, die über meine tiefsten Gedanken informiert und um Verständnis bittet. Aber wieso eigentlich? Ich wollte doch meinen Blog so ehrlich wie möglich halten und über alles schreiben, was mich beschäftigt. Also habe ich mich hiermit dazu entschlossen, die Mail in meinen Blog zu laden.
Ich weiß auch nicht, es geht mir so gut zur Zeit. Viel zu gut vielleicht. Auch, wenn die Arbeit immer noch nicht der Brüller ist, ich liebe dieses Land so unglaublich. Ich wüsste niemanden, dem ich es sonst sagen könnte, aber irgendwie will ich hier nicht weg. Auch wenn ich euch aus Deutschland alle so schrecklich vermisse, aber ich denke dauernd daran, wie sehr ich meine Freunde hier vermissen werde. Und den Markt. Und das Leben, das sich hier auf der Straße abspielt. Und die Leichtigkeit. Die Offenheit und die Freundlichkeit. Natürlich wird es auch Dinge geben, die ich wahrscheinlich weniger vermissen würde, wie die „White Men“-Rufe, aber selbst dabei bin ich mir nicht so sicher. Wenn ich hier über die Straße laufe, kommen die Kinder in Scharen auf mich zu und rufen im Chor. Da muss ich immer schmunzeln und freue mich irgendwie auch. Ach Mensch. Wer hätte das gedacht, dass ich dieses Land so sehr lieben lernen würde?
Ich habe so schreckliche Angst davor, zurück in Deutschland auf den harten Boden der Realität aufzuschlagen. Kannst du verstehen, was ich meine? Im Moment und die letzten 10 Monate war das hier meine Realität, die ich jetzt einfach aufgeben soll? Dabei war es doch von Vornherein klar, dass meine Zeit hier auf ein Jahr begrenzt ist.
Was soll ich nur machen, wenn ich nicht mehr bei den Mokoms ins Wohnzimmer platze und sobald die kleine Cucu meine Stimme hört, freudig auf mich zurennt und mich umarmt und „Auntie Norra“ ruft, weil sie Laura nicht aussprechen kann? Oder das 2 Meilen Joggen gehen mit Phil, das mir so unglaublich gut tut, weil mich Phil dauernd motiviert, weiterzulaufen. Die Taxifahrten, das Motorradfahren, bei dem man immer mit irgendjemandem ins Gespräch kommt. Und wenn es nur das „Good Afternoon. How are you?“ ist, bei dem man immer mit „Fine, and you?“ antwortet. Oder das Gefühl, von hübschen Jungs angeschaut zu werden und sich zu überlegen, was sie wohl denken, aus welchem Land ich bin und so weiter. Oder morgens bei meinem Direktor auf der Veranda zu stehen, im irgendeinen Plan vorzutragen und zu wissen, dass er meinen Ideen so oder so zustimmen wird, weil er anstatt mir zuzuhören mir lieber die ganze Zeit über auf meine Brüste guckt. Gut, das wird mir vielleicht nicht fehlen, aber es ist dennoch Teil der Erfahrung hier. Das ständig etwas passiert, wenn man nicht damit rechnet und ich immer noch neue Ecken „meiner“ Stadt entdecke, oder aber neue Seiten an mir oder meinen Freunden oder neue nette Leute kennenlerne und mir denke „Wieso hab ich das nicht schon früher gemacht/ gesagt/ gesehen?“
Ich spiele mit dem Gedanken, eine Ausbildung in Deutschland zu machen und dann wieder hierher zu kommen. Ist das so abwegig? Ich hoffe nicht. Und dennoch, in diesem Land läuft so viel schief, es ist laut „Die Zeit“ das korrupteste Land der Welt und für alles muss man bezahlen, handeln oder bestechen.. Dagegen muss etwas gemacht werden, aber es kann doch nichts passieren, wenn ich zurück nach Hause gehe und nur noch ab und an mit meinen Freunden hier per Mail schreibe. Klar, es freut mich sicher, von ihnen zu hören. Aber wenn ich mir dann ins Gedächtnis rufe, wie Pa mit seiner Frau, seinen Kindern und auch mit mir umgeht, beispielsweise einfach keine Lust hat, Phils Schulgeld zu bezahlen, sodass der damals 14-Jährige neben der Schule aus Bambus Spielzeuge baut und die verkauft, Fernseher, Handys und Weiß der Geier was noch alles repariert, um sich selbst sein Schulgeld zu finanzieren, dann werde ich so unglaublich traurig und wütend zugleich, dass ich doch irgendetwas an der Einstellung des Einzelnen ändern muss, um auch die „große“ Korruption zu beseitigen.
Wie soll das denn nur werden, wenn wir alle wieder aufeinander treffen und dann feststellen, nichts mehr gemein zu haben? Das kann doch niemand garantieren, dass das nicht passiert. Und wenn ich zurückkomme, dann ist Eric bereits in Obertshausen, Hanna in Weingarten, Sarah in Stuttgart und was ist mit mir? Ich weiß noch nicht, wo ich hingehen werde. Am liebsten würde ich gleich wieder ganz weit weg.
Dann denke ich dauernd daran, was ich alles mit zurück nach Deutschland nehme, denn du kannst dir sicherlich vorstellen, im Laufe des Jahres hat sich hier so einiges an Kram angesammelt. Ich packe meinen Koffer und nehme mit…
Meine Tage verbringe ich derzeit damit, mich morgens aus dem Bett zu quälen, zur Arbeit zu fahren, um drei Feierabend zu machen und zurück zu fahren, mit Ma in ihrem Shop zu sitzen, wenn es dann nicht regnet joggen zu gehen, abends an der Junction ein Bier mit Freunden zu trinken und dann noch einen Film zu schauen. Wasservorräte auffüllen, wenn ich fließendes Wasser habe. Aufräumen, wenn mir danach ist.
Mich darüber aufregen, dass bei jedem stärkeren Regen mein Wohnzimmer unter Wasser steht und ich alles trocken ziehen muss und danach dennoch alles dreckig ist. Vor drei Tagen hat das Wohnzimmer der Mokoms auch unter Wasser gestanden. Der Teppich, die Sessel, Tisch und Sofa, alles war nass. Die gesamten Möbel mussten rausgetragen werden und dann mit einem Lappen das Wasser beseitigt werden. Die Prozedur dauerte mehr als drei Stunden, die Rückenschmerzen gab es gratis dazu, weil es hier nicht etwa einen Wischmopp gibt, sondern man den Lappen auf den Boden legt und dann mit den Händen schön gleichmäßig den Boden sauber wischt.
Ich musste bereits meinem Nachfolger eine Mail schreiben über Kamerun, über meine Arbeit und war komplett überfordert, was ich da schreiben soll. Es ist einfach zu viel passiert, als das ich einen Text schreiben könnte: „Kamerun ist so und so“. Dabei komme ich mir so falsch vor. Denn selbst bei allem, was ich in meinem Blog schreibe, fehlen mindestens 50% der Eindrücke, die ich, so sehr ich es auch will, einfach nicht in Worte fassen kann. Schreibe ich, die Kameruner sind freundlich, ist das falsch. Nicht etwa, das sie unfreundlich sind, aber es ist nicht einfach Schwarz-Weiß. Viel zu viel ist subjektiv. Selbst wenn ich durch die Stadt laufe und angesprochen werde, kommt es darauf an, wie ich grade drauf bin. Habe ich gute Laune, antworte ich. Habe ich weniger gute Laune, bin grade in Gedanken oder wurde ich an diesem Tag schon zu oft angequatscht, gehe ich stur weiter und tue so, als ob ich es nicht gehört hätte.
Momentan bin ich wahrscheinlich der Inbegriff einer Person mit hunderten Gesichtern. Eines heulend. Eines ängstlich. Eines voller Vorfreude. Eines verknallt. Eines schüchtern. Eines selbstbewusst. Eines sehnsüchtig. …
Ich erwarte keine Hilfe von dir, ich muss das selbst irgendwie auf die Reihe kriegen. Aber das alles hier musste einfach mal raus.
13. Mai 2012
Whatever
Ich liebe diese Stimmungen. Wenn ich für einen Moment das Gefühl habe, die ganze Welt liegt mir zu Füßen und es passt einfach alles. Diesen Moment grade will ich mir für die Ewigkeit bewahren.
Das Gefühl des Verliebtseins, das diesen Nervenkitzel aus Neugier, Spannung mit Unsicherheit und Begierde vermischt. Statt auf den Ausgang der Situation pochend zu warten, es einfach zu genießen. Ich danke ihm für dieses Abenteuer, das er mit mir bestreitet, ohne wahrscheinlich zu wissen, was er eigentlich
Das Gefühl der Entspanntheit, bei der ich handle, ohne Nachzudenken und mit dem Ergebnis auch vollauf zufrieden zu sein durch das Bewusstsein, mit dem Herzen gehandelt zu haben. Ich bin individuell, ohne es zu wollen. Es macht einfach Spaß, Leute nach Strich und Faden zu verarschen. Und wenn ich mich als Taubstumme Frau ausgebe, nur um nicht mit dem aufdringlichen Typ reden zu müssen und dabei keine Scham empfinde, sondern pure Freude.
Das Gefühl der Erkenntnis, die mich plötzlich überkommt und mir wie bei einem Schleier vor den Augen von einer auf die andere Sekunde abfällt. Und man stellt sich die Frage: Wieso ist mir der Gedanke nicht schon vorher gekommen? Und hiermit danke ich offiziell Franzi, mögen wir uns für noch so unterschiedlich gehalten haben: Ich werde deinen Gedankenansatz definitiv weiterdenken!
Das Gefühl der Selbstständigkeit, nachdem ich die Dinge selbst in die Hand genommen habe, ohne auf die Unterstützung anderer zu warten. So kommt eines zum anderen, dass mein Papa einerseits Recht hat „Je früher du aufstehst, umso mehr hast du vom Tag“ und ich mich so Samstagmorgen aufgerafft habe und den ganzen Tag ein Vordach allein entfernt habe, nebenher noch drei Stunden auf eine Vierjährige aufgepasst habe und das Gerüst eines Pavillion aus Holz gezimmert habe, einen riesigen Busch mit der Machete ausgegraben habe, in einem kamerunischen Shop für eine Stunde die Verkäuferin gegeben habe (Preisschilder gibt es nicht, aber mittlerweile kenne ich so gut wie alle Preise!), auf dem Feuer (ja, mit Holz) in einer landestypischen Küche Reis zubereitet habe, mit einer Schaufel herumspaziert bin (was mir früher peinlich gewesen wäre. Ich will ja auf keinen Fall eine Pseudo- Kamerunerin mimen), das gesamte Haus gewischt und geputzt habe, mit Phil einen Wasserschaden im Haus behoben und so gleichzeitig noch das gesamte Wohnzimmer gereinigt habe, mir eingestehen, was ich für Gefühle für diesen Kerl habe, meine Wasser- Reserven wirklich jedes Mal bei fließendem Wasser direkt in einem Stundenakt aufzufüllen und letztendlich froh darüber sein, so immer Wasser parat zu haben, die Fotos endlich mache und nicht stets bloß denken „Oh, das wäre aber ein schönes Motiv“, mich zum Laufen gehen aufraffe, dazu den inneren Schweinehund überwinde und mich danach richtig gut zu fühlen…
Anhand der Summe der Selbstständigkeits-Themen sollte mir wahrscheinlich auf den ersten Blick direkt bewusst werden, wie viel es doch ausmachen kann, als eigenständige Person zu handeln. Klar, die Summe mag hier deutlich höher erscheinen, aber gehen die Kapitel nicht alle ineinander über? Hätte ich mich stundenlang mit Franzi unbedacht ausgesprochen, wenn ich nicht so entspannt und irgendwie auch selbstzufrieden gewesen wäre? Wahrscheinlich nicht. Heute habe ich umso deutlicher gespürt, wie jedes Detail zum großen Ganzen dazugehört.
Der Wecker ist für Sonntagmorgen gestellt, was auch immer es mir bringen mag. Ich habe 2 Stunden mehr, wenn ich nicht erst um zehn aufwache.
Cucu am Malen, während Laura im Garten ackert =)
10. Mai 2012
Verliebt in Bamenda
Mein bester Phil und ich, zwischen Überzeugen zum Tanzen und dem Tanzen selbst
Endlich mal wieder so ein richtig beklopptes Wochenende. Durch all die Routine, die Gedanken an meinen baldigen Abflug und nicht zuletzt durch all die Arschtritte überkam mich am Samstag das dringende Bedürfnis, mal wieder richtig einen draufzumachen. Da kamerunische Discos für weiße Mädels durchaus anstrengender sind, als die heimischen Diskotheken, sollte man in der richtigen Stimmung sein, tanzen zu gehen. Da Astrid, eine Freiwillige aus Kumbo, grade bei mir zu Besuch war, haben wir unseren Charme spielen lassen und so Phil überredet, uns zu begleiten. Mit einer männlichen Vertrauensperson fühlt man sich gleich viel sicherer. Und so kam es, dass der Wein floss und wir uns um halb 12 zu dritt auf’s Motorrad gesetzt haben (exklusive dem nüchternen Fahrer) und runter in die Stadt sind. Doch die Klubs waren uns zu teuer, statt Eintritt sollten wir eine Flasche Whiskey für 30.000frs kaufen, also 45€ für 3 Personen. Dazu kommt, dass ich Whiskey nicht einmal leiden kann. Also, was nun. Drei Jugendliche in Feierlaune, wieder ab auf’s nächste Motorrad und zurück hoch auf den Berg in eine kleine Dorfdisko. Passend der Name „Countryside“. Ich glaube nicht, dass in dieser Disko jemals zuvor Weiße waren, denn schon als wir über die Türschwelle traten, waren Astrid und ich von einer Traube aus Kerlen umringt, die uns ungedingt auf die Tanzfläche führen wollten. Oder zumindest mal anfassen. Na toll. Ich war aber ziemlich gut drauf und dachte mir nur „Scheiß drauf“, bin auf die Tanzfläche und habe mir quasi die Seele aus dem Leib getanzt. Kam mir ein Kerl zu nahe, wurde er freundlich, aber bestimmt weggeschubst. Astrid, für die es der erste Besuch in einer Disko hier war, war anfangs leicht überfordert, sagte am nächsten Morgen aber selbst, dass es von Stunde zu Stunde immer besser wurde und sie froh drüber ist, mal diese Erfahrung gemacht zu haben.
Sonntagabend bin ich nach Bafoussam gefahren, 80km und 2 Stunden entfernt, aber französischsprachig. Die Fahrt kostet normalerweise immer 1.000frs, also 1,50€. Ich saß in einem Kleinbus, ähnlich wie die VW-Familienkutschen, nur anstatt 9 Insassen saßen rund 20 Leute eng gequetscht halb aufeinander. Besonders praktisch, wenn man neben rundlichen kamerunischen Mamas sitzt, die selber behaupten „Dann wackelt es auf den schlechten Straßen nicht so sehr“. Ach, Kamerun. Jedenfalls kam ich in Bafoussam an und der Fahrer wollte plötzlich 1.200frs haben, also 1,80€… Nicht mit mir! Nur weil ich weißer Hautfarbe bin, muss ich nicht Sonderpreise zahlen. Also habe ich über 20 Minuten mit dem Fahrer darüber diskutiert, ob das nun gerechtfertigt sei oder nicht. Aber mit zunehmender Dunkelheit wollte ich dann nur noch schnell zu den anderen Freiwilligen nach Hause und so sagte ich ziemlich verärgert zum Fahrer: „Weißt du was? Okay, ich zahle die 1.200frs. Aber dann werde ich jedem einzelnen deutschen Freiwilligen in Kamerun berichten, dass sie niemals für eine Fahrt von Bamenda nach Bafoussam mit diesem Bus fahren sollen. Der Fahrer ist wahnsinnig!“ Umgedreht, gegangen. Und plötzlich hörte ich, wie der Bus neben mir herfuhr und der Fahrer mir zurief: „Nein, das kannst du doch nicht machen. Hier hast du dein Geld.“ Aber das war mir dann auch zu blöd. Ich war letztendlich stolz auf meine Idee und dass ich sie bis zum Ende durchgezogen habe.
Im Büro meiner Organisation wollte ich dann mein Essensgeld abholen. Doch leider erfuhr ich, dass ich vorher hätte anrufen müssen, damit das Geld vorhanden ist. Gut, dass ich darüber informiert wurde. Wurde ich natürlich nicht. Uns so musste ich rund eine Stunde warten, bis die Angestellte zur Bank geeilt war, um mein Geld dort zu holen. Ich liebe dieses Land.
Gestern war ich auf dem Markt, um mir Stoffe für neue Hosen zu besorgen. Doch anstatt mit dem Taxi die halbe Stunde in die Stadt zu fahren, bin ich gelaufen bzw geklettert, denn von Upstation nach Oldtown führen kleine Trampelpfade hinunter. So ein schöner Weg, der nicht länger dauerte als eine Taxifahrt. Raus kam ich bei unserem Optiker, Jean Kingo aus dem Kongo. Der Pfad war gesäumt von gelben und lilafarbenen Büschen, doch leider hatte ich meine Kamera nicht bei mir. Gekauft habe ich mir dann einen dunkelroten und einen dunkelbraunen Stoff, aus dem die Schuluniformen genäht werden. Ich habe die Stoffe zum Schneider gebracht und werde morgen Nachmittag dann meine neuen Schulhosen getragen werden. Handgenäht und maßgeschneidert.
Zwei Jungs aus der Nachbarschaft hatte ich übrigens meine kleine, ziemlich alte Digitalkamera geliehen, weil sie des Öfteren an Tanzwettbewerben teilnehmen und die Digitalkamera eine Videofunktion hat. Bisher habe ich sie immer wieder bekommen, doch nun haben sie sie verkauft, um an Geld zu kommen. Tja, und so sehe ich die Beiden nun jeden Tag an der Junction arbeiten, um Geld zu verdienen, damit sie mir die Kamera zurückkaufen können. Wie schön, dass sie für ihre Dummheit bestraft werden.
Jetzt sitze ich mit meinem Laptop vorm YOP-Büro, die Sonne geht schon langsam unter und strahlt die Wellblechdächer der Stadt in besonders schönem Licht an. Zwischen den Häusern Eukalyptusbäume und Palmen, viele Kirchen, einige Sportplätze und viele Autos und Motorräder. Hier und da steigen Rauchwolken auf von verbrennendem Müll (Es gibt ja keine Müllabfuhr) und am Horizont ragen die Berge auf, in unterschiedlichen Grüngrautönen, bevor sie im Schatten der Nacht verschwinden. Alles in allem ein stimmiges Bild, an das ich mich vielleicht gewöhnt habe, aber mich bei dieser Aussicht jedes Mal aufs Neue in Bamenda verliebe.
"Mein" Obststand vor dem Main Market
Mangobaum
Frische Maracujas sind eben doch nicht so groß, wie man sie erwartet
"Mein" Nkwen-Market
26. April 2012
Arschtritte Willkommen
Tja, die letzten Wochen kann man im Großen und Ganzen schon als Krise verbuchen. Es ging sogar so weit, dass ich bei meiner Organisation anrief, um nach psychologischer Hilfe zu bitten. (Alles wieder revidiert und für unnötig erklärt.) Und wieso das Alles? Es ist doch nichts Schlimmes passiert. Ich hatte kein traumatisches Erlebnis. Die Erkenntnis zu gewinnen, dass ich einsam bin, fiel mir äußerst schwer. Ja, ich bin einsam. Ich habe Freunde, keine Frage. Aber dennoch fühle ich mich derzeit fremder in diesem Land als je zuvor. Bereits während ich auf dem Weg zur Arbeit bin, freue ich mich darauf, mich wieder in Jogginghose aufs Sofa zu legen und einen Film zu gucken. Und wenn ich dann zu Hause liege, denke ich: „Wieso kann ich die Arbeit nicht genießen und vielleicht sogar Freude daran finden, bis länger als 15.01 Uhr zu bleiben?“ Ich brauche Entertainment. Und zwar nicht das Entertainment „Facebook“, nein, das echte. Also Leute, die mit mir was unternehmen und Faxen machen. Ich vermisse meine Freunde, mit denen jeder Abend auf gewisse Art etwas Besonderes war. Und wenn wir nur im Garten mit einer Soft Air -Pistole Löcher in vergammelte Äpfel geschossen haben. Es kam immer eine Geschichte dabei raus, wenn ich mit meinen Jungs oder Mädels um die Häuser gezogen bin. Und was ist hier? Hier habe ich das Gefühl, in der Eintönigkeit zu versinken. Entweder, ich gehe direkt nach der Arbeit nach Hause und verlasse meine Mäuseloch nicht, ehe die Morgendämmerung einsetzt. Oder ich begebe mich auf den Weg in die Virtuelle Welt, der Vergangenheit nachtrauernd. Was ist hier mit mir passiert? Nennt sich die Zeit ohne den Firlefanz etwa „Erwachsen sein“? Ich hoffe doch, dass es so weit mit mir noch nicht gekommen ist, denn ich finde, ein paar Jahre habe ich im Schwebezustand zwischen Jugendlicher Dummheit und Erwachsenem Spießer- Dasein schon noch verdient.
Das Problem ist, dass hier in Kamerun Kinder keine Kinder sind. Die Vierjährige bekommt die Aufgabe, auf den einjährigen Bruder aufzupassen, nachdem sie ihre Hausaufgaben erledigt hat. Mit Vier! Und das ist hier leider keine Seltenheit. All diese Kinder ohne Kindheit, woher sollen sie denn wissen, dass man von Bäumen nicht nur die Früchte ernten muss, sondern in ihnen auch herumklettern kann? Oder, dass im Fluss nicht nur die Wäsche gewaschen werden muss, sondern man auch prima nach Tieren suchen kann? Klar, dazu gehört, dass man mal vom Baum fällt oder sich an einem spitzen Stein den Fuß aufschlitzt. Aber wenigstens macht man Erfahrungen, bei denen man das Ergebnis noch nicht vorher kennt. Und wie soll ich den Kamerunern dann erklären, dass ich lieber mit dem Fahrrad 2-3 Stunden nach Bali fahre, anstatt in 30 Minuten mit dem Taxi dort zu sein? Oder dass ich am Sonntagmorgen einfach so loslaufe, ohne ein konkretes Ziel zu haben?
Dadurch, dass Länder wie Kamerun immer und immer wieder „Entwicklungsland“ genannt werden, wird versucht, schon ab dem Kindesalter so effektiv wie möglich zu leben. Keine Zeit für Erholung und Entspannung, außer dem alltäglichen Bier abends in der Bar für die Männer. Außerdem gibt es so gut wie keine Cliquen. Die Jungs und Mädels haben zwar ihre Freundeskreise, aber es gibt nicht so etwas wie besondere Interessensgemeinschaften. Jeder mag hier Fußball. Jeder mag HipHop. Jeder trinkt Bier. Wenn ich bedenke, wie viele unzählige Gruppen es in Deutschland gibt… Es gibt die Basketball-Spieler, die Kino-Liebhaber, die Museumsgänger, die Gitarristen, die Mathematiker, die Philosophen, die Sportmuffel, die Ökos, die Fast Food Junkies, die Pseudo- Intellektuellen, die Intellektuellen, die Ketten-Raucher, die Hippies, die Computer- Freaks, die Facebook- Süchtigen. Ja, wir haben viele solcher sogenannten Peer Groups, deren gemeinsames Interesse an etwas einen verbindet. Hier habe ich etwas solches noch nicht feststellen können, daher fällt es mir wahrscheinlich schwer, mich mit bestimmten Leuten besonders gut identifizieren zu können.
Fakt jedenfalls ist, dass ich auf mich allein gestellt bin, was Motivation und Tagesgestaltung betrifft. Schade, ich hätte gern ab und an mal jemanden, der mir fest in den Arsch tritt und mich zum Schlittenfahren überredet, obwohl ich eigentlich keine Lust habe und am Ende dann doch heilfroh bin, mitgegangen zu sein. Arschtritte willkommen.
18. April 2012
Die Nordenreise
Während ich mich die letzten zwei Wochen auf Reisen durch mir bis dahin völlig unbekannte Gebiete befand, hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Über nichts konkretes, eher über das Leben im Allgemeinen. Und natürlich war es aufregend, die Städte Nordkameruns genauer unter die Lupe zu nehmen und Unterschiede zwischen dem eher christlichen Süden und dem islamischen geprägten Norden festzustellen.
Meine Reise begann mit meiner ersten Zugfahrt im Lande, von Yaoundé nach Ngaoundéré in der Region Adamaoua und dauerte rund 15 Stunden, die ich bequem auf einem eigenen Sitzplatz in der ersten Klasse eines klimatisierten Zugabteils verbrachte. Während wir bei Sonnenuntergang die Hauptstadt verließen, konnte ich bei zunehmender Dunkelheit noch die kleinen Hinterhöfe der Gebäude sehen, die direkt an den Schienen lagen. Feuerstellen, winkende Kinder, Fußballspielende Jungs und Mädchen, die sich gegenseitig die Haare flochten. Obwohl es das Gleiche ist, was ich tagtäglich in Bamenda zu sehen bekomme, war es doch etwas ganz anderes, im Vorbeifahren Einblick in fremde Alltagsaktivitäten zu haben. Möglicherweise eng verknüpft mit der Aufregung, dass die lang ersehnte Reise nun tatsächlich los ging. Der Zug hielt einige Male an verschiedenen Stationen auf der Strecke, an denen die fliegenden Händler bereits mit Trockenfisch, Bananen, Mangos und Wasser warteten, um es an uns Reisende zu verkaufen. Trotz des komfortablen Transports war ich eben immer noch in Kamerun unterwegs.
Bei Sonnenaufgang konnte ich einen ersten Einblick der Landschaft erhaschen, die sich deutlich vom tropisch-feuchten Yaoundé abhob. Es war deutlich trockener, die Flüsse führten nur wenig Wasser und man sah nur wenige kleine Dörfer. Angekommen am Bahnhof war es jedoch wieder das übliche Bahnhofstreiben, das sich nicht im Geringsten von dem der Busbahnhöfe unterschied. Gemeinsam mit Lissy und Anton, zwei IB-Freiwilligen aus einem Nachbarort Bamendas, sind wir am Nachmittag auf erste kleine Entdeckungsreise durch Ngaoundéré getingelt.
Riesige und wunderschön farbenprächtige Moscheen, kleine Läden, vor denen die Männer auf ihren Gebetsteppichen lagen. Es gab keine Taxis, sondern nur Motorräder und Fahrräder, denn die Gegend war ziemlich flach und trotz der Hitze ließ es sich aushalten, wenn ein relativ kühler Wind wehte.
Im Zug hatten wir eine Kanadierin und eine Finnin kennengelernt, die uns anboten, mit ihnen direkt am Folgetag eine Safari-Tour durch den Benué- Nationalpark zu machen. Da dadurch geringe Kosten für uns alle bei rausspringen würden, haben wir schließlich zugesagt und hatten dadurch direkt zu Beginn unserer Reise einen der besten Tage meines gesamten Kamerun- Aufenthaltes. Bereits auf der Piste, die uns zum Parkeingang führte, kamen wir in den Genuss, frei laufende Affen zu sehen. Wenige Momente später sogar, hielten wir an, um eine Herde Giraffen zu begutachten. Giraffen! In mehr oder weniger freier Wildbahn. Das alles kam mir so unwirklich vor, wie ich da durch mein Objektiv schaute und tatsächlich zwischen den Bäumen vier endlos lange Giraffenbeine erblicken konnte, zu denen übrigens ein erstaunlich kleiner Kopf gehört.
Ziemlich oft fühle ich mich, als wenn ich träume. Ich kann doch nicht wirklich schon über Acht Monate in Kamerun sein. Und dann sehe ich so etwas, das mir doch eigentlich klar vor Augen führen sollte: „Doch, Laura, du bist tatsächlich hier.“ Doch stattdessen kommt mir das Ganze nur noch unwirklicher vor.
Im Park selbst durften wir zu Fuß laufen, denn die Gefahr (oder Chance?) einem Löwen über den Weg zu laufen, war aufgrund der fortgeschrittenen Stunde äußerst gering. So spazierten wir schweigend auf schmalen Pfaden, die hier und da von einer Herde Antilopen gekreuzt wurden. Ich war erstaunt, wie sehr die Weibchen doch den deutschen Rehen ähneln, obwohl sie unter solch anderen Bedingungen leben. Während die mitteleuropäischen Wälder saftig grün sind, sind die zentralafrikanischen Wälder trocken und bestehen hauptsächlich aus Sand und trockenem Gras, dazwischen ein paar spärliche Bäume. Durch ein ausgetrocknetes Flussbett, an dessen Rand eine Pavian-Familie ihre Mittagsruhe hielt, wurden wir an eine Wasserstelle geführt. Es war wie eine Oase mit Wasser und Sandstrand und einigen Felsen, die sich bei näherer Betrachtung als Nilpferde entpuppten. Unglaublich. Da lagen sie, eine Gruppe von rund 30 Tieren, in der prallen Mittagshitze im kühlen Wasser und bewegten sich kaum. Diese ausgewachsenen, 2000 Kilo schweren Kolosse mussten wohl unsere Witterung aufgenommen haben, denn hier und da bewegte sich eines und ging an Land, um sich kurz danach wieder zu seinen Genossen zu kuscheln.
Und direkt neben den Nilpferden, ich hatte sie zunächst gar nicht bemerkt, schwammen Krokodile am Flussufer auf und ab, ohne die Tiere anzugreifen. Währe es nicht so heiß gewesen, hätte ich die Nilpferde noch Stunden beobachten können.
Diesen Tag werde ich wohl nie vergessen.
Die nächsten zwei Tage verbrachten wir noch in Ngaoundéré, wir besuchten den Markt, das Lamidat (den muslimischen Palast der Stadt) und aßen unglaublich viel gutes Essen, wie Hackfleisch mit Nudeln (was man in Bamenda nirgends bekommen kann). Der schwarze Tee, der überall serviert wurde, war süß und mit frischer Zitrone und schmeckte wirklich hervorragend. Ich war beeindruckt von der Vielfalt und der Farbenprächtigkeit der Stadt, die ihren ganz eigenen Charme auf mich hatte.
Mit unseren Rucksäcken gesattelt ging es am fünften Tag unserer Reise auf zum Bus, der uns nach Maroua bringen sollte. Und was das für ein Bus war. Riesengroß, über 50 Plätze und keine Klappsitze im Gang. Von Anton erfuhr ich später, dass diese neuen großen Busse ausgediente Lastwagen aus Europa sind, die in Südafrika als Reisebusse umfunktioniert werden und daher die Motoren eigentlich für 40.000kg Belastung gedacht sind, jedoch nur maximal 20.000kg benötigt werden. Daher und dank der gut ausgebauten Straße kamen wir rasch voran. Wir flogen quasi durch ein Gebiet wie aus dem Bilderbuch. Links und rechts der Straße nichts als Wüste, dazwischen einzelne Lehmhütten mit Strohdach und weit und breit nichts als ausgetrocknete Flussbetten. Wie können diese Menschen dort überleben, wenn sie so gut wie keine Nahrungsmittel anbauen können? Endlich kamen wir in der Wüstenstadt an, denn es schien mir wie eine Fata Morgana, plötzlich große stabile Häuser und so viele Menschen zu sehen. Die Straße durch die Stadt war gesäumt von riesigen Bäumen, doch nirgends fanden sich Lebensmittelstände wie noch in Ngaoundéré oder in Bamenda. Viele Leute saßen auf ihren Gebetsteppichen im Sand oder liefen durch das trockene Flussbett, das quer durch Maroua verläuft. Hier gab es noch mehr Fahrräder und Kinder, die uns „Nassarra“ (Weiße) zuriefen. Ziemlich hungrig sind wir drei Abends entlang der Hauptstraße gelaufen, auf der Suche nach Essen und glücklicherweise fanden wir dieses winzige Schild, auf dem „Restaurant“ stand. Und hinter dem Tor lag eine für mich fremde Welt. In einem Autowaschpark mit viel Rasenfläche standen Tische und Stühle, eine kleine Smootie-Bretterbude bot frischen Ananas, - Mango, - Papaya, - oder Bananensaft an, es gab eine freundliche Bedienung die uns senegalesischen Reis mit Leber und Artischocken servierte und es gab tatsächlich Shishas, die neben den Tischen auf dem Rasen standen. Das versetzte mich in helle Freude, vor allem als ich sah, dass sogar die Frauen rauchten. Sie rauchten nicht nur Wasserpfeife, sondern auch Zigaretten und knutschten mit ihren Freunden rum. In aller Öffentlichkeit. Solch ein Spektakel habe ich in Bamenda noch nie zu Gesicht bekommen. Doch ich war verwirrt, denn ich befand mich auf sehr muslimisch geprägtem Boden und es gab immer noch zwei Eingänge an den Moscheen, einer für Männer und einer für Frauen. Vielleicht liegt es an der nahen Grenze zu Nigeria, obwohl dort die Anschläge der Islamisten auch immer mehr zunehmen. Oder, wenn die Frauen schon aus ihrer Rolle ausbrechen, dann aber richtig. Leider bin ich nicht auf die Idee gekommen, mich darüber mit Landsleuten zu unterhalten.
Im Vergleich zu Maroua ist Bamenda so eine luxuriöse Stadt mit unglaublich vielen Möglichkeiten für den Einzelnen. Hier findet man einerseits kaum etwas zu Essen auf der Straße, andererseits gibt es ein für Touristen angelegtes Kunsthandwerkszentrum, das „Centre Artisinal“ am großen Markt. Obwohl ich am Tag zuvor gesehen habe, unter welchen Bedingungen die Arbeiter die Tierhäute zu brauchbarem Leder verarbeiten (die Häute werden nämlich in stinkende Erdlöcher mit Vogelschiss und Regenwasser eingeweicht und getrocknet. Gott hat das gestunken, ich habe es dort nicht lange ausgehalten.) konnte ich es nicht lassen, mir zwei wunderschöne Ledergürtel und eine Tasche zu kaufen. Außerdem noch einen handgewebten Teppich, der nun mein Zimmer in Bamenda schmückt und über den ich mich jedes Ma freue, wenn ich nicht auf dem kalten Zementfußboden stehen muss. Alles in allem habe ich rund 35€ dort gelassen, verglichen mit gleichwertigen Produkten in Deutschland jedes ein Schnäppchen. Jedenfalls habe ich noch nirgends anders handgemachte Ledertaschen für 15€ gesehen.
Eigentlich dachte ich, unser Tagesausflug nach Rhumsiki würde ziemlich langweilig werden, denn was ich bisher über diese Gegend gelesen hatte, klang nicht wirklich spannend. Viele alte Vulkane. Dabei hatte ich doch auf dem Mount Cameroon bereits aktive Vulkane gesehen. Doch dieser Tag sollte nicht nur einer der faszinierendsten meines Jahres in Kamerun sein, sondern vielmehr einer der schönsten Tage meines gesamten 20-Jährigen Lebens. Ab Mokolo, einem Ort eine Stunde von Maroua entfernt, bekam jeder von uns dreien plus einem Italiener, den wir am Busbahnhof kennengelernt hatten, ein eigenes Motorrad mit Fahrer. Über eine Stunde lang ging es quer durch die Wüste auf einer Sandpiste mit einem Affentempo nach Rhumsiki. Wir sahen vielleicht aus, wie Taliban, das Gesicht vollkommen verschleiert mit Sonnenbrille, Kopftuch als Sonnenschutz und einem Tuch vor Mund und Nase als Staubschutz. Diese wunderschöne Vulkanlandschaft. Wer das als langweilig beschreibt, ist wahrlich nicht bei Sinnen. Was von den Vulkanen noch zu sehen war, war nicht die Hülle, sondern das zu Stein erstarrte Vulkaninnere. Über die Jahrmillionen wurde durch Erosionen die Steinhülle abgetragen und zurück blieben nur noch die bizarr aussehenden, spitzen Gipfel der Lava.
Kurz vor dem Ortseingang hielten wir an einem Restaurant, von dem uns bereits andere Freiwillige erzählt hatten. Was war das für ein Festmahl. Als der Besitzer uns von seinem Angebot erzählte, war Lissy so gerührt, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen und auch Anton und ich konnten erst einmal kaum fassen, was er da so erzählte… „Ich habe einen Freiwilligenrabatt, weil ihr oft all euer Erspartes aufbraucht, um in den Norden zu kommen. Mein Angebot für euch ist von Allem ein wenig…“ Und so kam es, dass wir für umgerechnet 6€ pro Person ein Fünf-Gänge Menü erhielten, mitten in der Wüste mit einer kühlen Coke dazu. Als Vorspeise gab es aus Reis- und Maismehl selbstgebackenes Brot mit einer Knoblauch-Ingwer-Soße und Thunfisch, gefolgt von Salat mit Tomaten, Paprika, Kohl, Karotten und Zwiebeln. Als Hauptspeise gab es eine Quiche mit Gemüse, dazu frittierte Sweet Potatoes, Pommes und Soya-Spieße (richtig gutes Soya, Eric, du wärst im Himmel!) und als Nachtisch einen Obstteller mit Mango, Bananen, Orangen und Lemontee und frischem Kaffee (nicht der Nescafé, der an jeder Straßenecke angeboten wird, sondern frisch gebrühter Kaffee!).
Nach diesem Festmahl ging es rein nach Rhumsiki und mit einem Mal fühlte ich mich, als wäre ich im Mittelalter gelandet. Da waren Kinder, die Wasserkanister auf Eseln transportierten, Lehmhütten und Ziegen, die durch die offenen Hütten sprangen. Nach einer kleinen Stadttour haben wir zum Abschied noch das Krabbenorakel besucht. Ein alter Mann hat eine Krabbe und ein Gefäß mit Stöcken und Hölzern. Dann darf man eine Frage stellen, die von jüngeren Einwohnern für den Alten auf Fulfulbe übersetzt werden und er setzt die Krabbe in dieses Gefäß, deckt es ab und dann wartet man. Meine Frage, ob ich eine erfolgreiche Journalistin werde und ob ich Glückseligkeit erlangen werde, hat er mir zufriedenstellend beantwortet.
Erneute 60km zurück nach Mokolo auf dem Motorrad, erneut dieses pure Freiheitsgefühl mit nichts als zwei Rädern und einem Sattel, die mich vom heißen Sand der Sahel-Wüste trennen. Ein unbeschreibliches Abenteuer.
Wir wollten es bis ganz in den Norden schaffen, bis hoch nach Kousseri im nördlichsten Zipfel, direkt an der Grenze zum Tschad. Daher taten wir uns erneut sechs Stunden Busfahrt an auf einer Straße, die alles andere als gut war. Sie war sogar so schlecht, dass der Bus teileweise auf dem Sand neben der Straße fuhr und so konnten wir abends noch den Sonnenuntergang über dem Chari-Fluss (der die Grenze zum Tschad darstellt) bewundern. Was wir nicht bedacht hatten, war, dass hier so weit im Norden weder Englisch noch Französisch gesprochen wird, sondern Arabisch, was zu leichten Verständigungsproblemen führte. Aber okay. Wir haben es schließlich gemeistert, irgendwie. Die Stadt kam mir als deutlich gefährlicher als die restlichen unserer Reise vor, oft fühlten wir uns verfolgt und all die Polizei- Kontrollen trugen ihr Übriges dazu bei, denn wir waren nun einmal in einem Grenzgebiet direkt in Westafrika, an links liegt Nigeria, von islamistischen Aufständen erschüttert, rechts lag der Tschad, eines der ärmsten Länder der Welt.
An Tag 11 wurde wieder einmal früh aufgestanden, um dann doch in der prallen Mittagshitze durch den Nationalpark bei Kousseri zu laufen. Lustig war, dass mich die Nilpferde, die im Fluss lagen, weniger beeindruckten als diese riesige Herde von Kühen, die in schier endloser Zahl an den Fluss zum tränken geführt wurden. Da unser Guide nicht wusste, wo genau sie unsere lang ersehnten Elefanten befanden, hat er uns kurzerhand unter einem großen, Schatten spendenden Baum zurückgelassen und sich auf die Suche nach den Dickhäutern gemacht. Es wäre nett gewesen, wenn er erwähnt hätte, dass er länger wegbleibt, denn nach einer Dreiviertelstunde des Wartens in der Hitze schmiedeten wir bereits Pläne, was wir hier so zum Überleben verzehren könnten und ab wann wir dazu bereit wären, das dreckige Flusswasser zu trinken. Gut, nach einer Stunde kam er dann wieder und über Dornengestrüpp und vertrocknetes Gras führte er uns zu einem weiteren großen Baum, unter dem ein riesiger Elefant Schatten suchte und sich mit seinen riesigen Ohren Luft zuwedelte. Riesig, er war so riesig. Langsam schlichen wir in ausreichendem Sicherheitsabstand von rund 80 Metern um ihn herum und sahen dann, dass neben ihm noch ein weiterer Elefant auf dem Boden lag und seinen Mittagsschlaf hielt. Ich schätze, das stehende Tier war bis zum Rumpf sicher fünf Meter hoch und mit dem Kopf noch über einen Meter größer und so sieben Meter lang. Dem wollte ich wirklich nicht zu nahe kommen. Allerdings war ich bei diesem Erlebnis nicht mehr wirklich aufnahmefähig. Dazu hatte ich in den vergangenen 11 Tagen zu viel Beeindruckendes gesehen und erlebt. Ich glaube, irgendwann passt einfach nichts mehr rein ins „Wow“- Abteil des Gehirns.
Insgesamt brauchten wir drei volle Tage, um von Kousseri zurück nach Bamenda in den Nordwesten zu fahren. Von Yaoundé aus hatten wir das Glück, die vordersten Plätze im Bus zu bekommen, mit grandioser Aussicht durch die Windschutzscheibe. Völlig ungeplant, mit Rucksäcken auf dem Rücken sind wir drei, Lissy, Anton und ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch den gesamten Norden Kameruns gereist. Das war definitiv der beste Trip meines Lebens.
Und ja, gedacht habe ich viel in den vergangenen zwei Wochen. Weil es mir arbeitstechnisch gesehen schon seit längerem nicht mehr gut geht, habe ich beschlossen, das Projekt zu wechseln. Bei Shumas fühle ich mich einfach nicht mehr wohl, weil ich bei der Arbeit einfach nicht unterstützt werde und alles, was ich machen will, zwar bejaht wird, aber ich letztendlich dann komplett allein dastehe und immer noch die kreative Weiße bin, die keine Motivation mehr findet. Dabei will ich die letzten drei Monate doch noch motiviert und kreativ sein. Für mich bedeutet das jedoch, dass ich meine lieben Trainees hinter mir lasse und bei YOP anfange. Da ist das Team jung und deutlich ambitionierter als mein Team bei Shumas. Das klingt zwar schade und ist es auch.
Aber ich bin immer noch auf der Suche… Nach was auch immer.
Meine Reise begann mit meiner ersten Zugfahrt im Lande, von Yaoundé nach Ngaoundéré in der Region Adamaoua und dauerte rund 15 Stunden, die ich bequem auf einem eigenen Sitzplatz in der ersten Klasse eines klimatisierten Zugabteils verbrachte. Während wir bei Sonnenuntergang die Hauptstadt verließen, konnte ich bei zunehmender Dunkelheit noch die kleinen Hinterhöfe der Gebäude sehen, die direkt an den Schienen lagen. Feuerstellen, winkende Kinder, Fußballspielende Jungs und Mädchen, die sich gegenseitig die Haare flochten. Obwohl es das Gleiche ist, was ich tagtäglich in Bamenda zu sehen bekomme, war es doch etwas ganz anderes, im Vorbeifahren Einblick in fremde Alltagsaktivitäten zu haben. Möglicherweise eng verknüpft mit der Aufregung, dass die lang ersehnte Reise nun tatsächlich los ging. Der Zug hielt einige Male an verschiedenen Stationen auf der Strecke, an denen die fliegenden Händler bereits mit Trockenfisch, Bananen, Mangos und Wasser warteten, um es an uns Reisende zu verkaufen. Trotz des komfortablen Transports war ich eben immer noch in Kamerun unterwegs.
Bei Sonnenaufgang konnte ich einen ersten Einblick der Landschaft erhaschen, die sich deutlich vom tropisch-feuchten Yaoundé abhob. Es war deutlich trockener, die Flüsse führten nur wenig Wasser und man sah nur wenige kleine Dörfer. Angekommen am Bahnhof war es jedoch wieder das übliche Bahnhofstreiben, das sich nicht im Geringsten von dem der Busbahnhöfe unterschied. Gemeinsam mit Lissy und Anton, zwei IB-Freiwilligen aus einem Nachbarort Bamendas, sind wir am Nachmittag auf erste kleine Entdeckungsreise durch Ngaoundéré getingelt.
Riesige und wunderschön farbenprächtige Moscheen, kleine Läden, vor denen die Männer auf ihren Gebetsteppichen lagen. Es gab keine Taxis, sondern nur Motorräder und Fahrräder, denn die Gegend war ziemlich flach und trotz der Hitze ließ es sich aushalten, wenn ein relativ kühler Wind wehte.
Im Zug hatten wir eine Kanadierin und eine Finnin kennengelernt, die uns anboten, mit ihnen direkt am Folgetag eine Safari-Tour durch den Benué- Nationalpark zu machen. Da dadurch geringe Kosten für uns alle bei rausspringen würden, haben wir schließlich zugesagt und hatten dadurch direkt zu Beginn unserer Reise einen der besten Tage meines gesamten Kamerun- Aufenthaltes. Bereits auf der Piste, die uns zum Parkeingang führte, kamen wir in den Genuss, frei laufende Affen zu sehen. Wenige Momente später sogar, hielten wir an, um eine Herde Giraffen zu begutachten. Giraffen! In mehr oder weniger freier Wildbahn. Das alles kam mir so unwirklich vor, wie ich da durch mein Objektiv schaute und tatsächlich zwischen den Bäumen vier endlos lange Giraffenbeine erblicken konnte, zu denen übrigens ein erstaunlich kleiner Kopf gehört.
Ziemlich oft fühle ich mich, als wenn ich träume. Ich kann doch nicht wirklich schon über Acht Monate in Kamerun sein. Und dann sehe ich so etwas, das mir doch eigentlich klar vor Augen führen sollte: „Doch, Laura, du bist tatsächlich hier.“ Doch stattdessen kommt mir das Ganze nur noch unwirklicher vor.
Im Park selbst durften wir zu Fuß laufen, denn die Gefahr (oder Chance?) einem Löwen über den Weg zu laufen, war aufgrund der fortgeschrittenen Stunde äußerst gering. So spazierten wir schweigend auf schmalen Pfaden, die hier und da von einer Herde Antilopen gekreuzt wurden. Ich war erstaunt, wie sehr die Weibchen doch den deutschen Rehen ähneln, obwohl sie unter solch anderen Bedingungen leben. Während die mitteleuropäischen Wälder saftig grün sind, sind die zentralafrikanischen Wälder trocken und bestehen hauptsächlich aus Sand und trockenem Gras, dazwischen ein paar spärliche Bäume. Durch ein ausgetrocknetes Flussbett, an dessen Rand eine Pavian-Familie ihre Mittagsruhe hielt, wurden wir an eine Wasserstelle geführt. Es war wie eine Oase mit Wasser und Sandstrand und einigen Felsen, die sich bei näherer Betrachtung als Nilpferde entpuppten. Unglaublich. Da lagen sie, eine Gruppe von rund 30 Tieren, in der prallen Mittagshitze im kühlen Wasser und bewegten sich kaum. Diese ausgewachsenen, 2000 Kilo schweren Kolosse mussten wohl unsere Witterung aufgenommen haben, denn hier und da bewegte sich eines und ging an Land, um sich kurz danach wieder zu seinen Genossen zu kuscheln.
Und direkt neben den Nilpferden, ich hatte sie zunächst gar nicht bemerkt, schwammen Krokodile am Flussufer auf und ab, ohne die Tiere anzugreifen. Währe es nicht so heiß gewesen, hätte ich die Nilpferde noch Stunden beobachten können.
Diesen Tag werde ich wohl nie vergessen.
Die nächsten zwei Tage verbrachten wir noch in Ngaoundéré, wir besuchten den Markt, das Lamidat (den muslimischen Palast der Stadt) und aßen unglaublich viel gutes Essen, wie Hackfleisch mit Nudeln (was man in Bamenda nirgends bekommen kann). Der schwarze Tee, der überall serviert wurde, war süß und mit frischer Zitrone und schmeckte wirklich hervorragend. Ich war beeindruckt von der Vielfalt und der Farbenprächtigkeit der Stadt, die ihren ganz eigenen Charme auf mich hatte.
Mit unseren Rucksäcken gesattelt ging es am fünften Tag unserer Reise auf zum Bus, der uns nach Maroua bringen sollte. Und was das für ein Bus war. Riesengroß, über 50 Plätze und keine Klappsitze im Gang. Von Anton erfuhr ich später, dass diese neuen großen Busse ausgediente Lastwagen aus Europa sind, die in Südafrika als Reisebusse umfunktioniert werden und daher die Motoren eigentlich für 40.000kg Belastung gedacht sind, jedoch nur maximal 20.000kg benötigt werden. Daher und dank der gut ausgebauten Straße kamen wir rasch voran. Wir flogen quasi durch ein Gebiet wie aus dem Bilderbuch. Links und rechts der Straße nichts als Wüste, dazwischen einzelne Lehmhütten mit Strohdach und weit und breit nichts als ausgetrocknete Flussbetten. Wie können diese Menschen dort überleben, wenn sie so gut wie keine Nahrungsmittel anbauen können? Endlich kamen wir in der Wüstenstadt an, denn es schien mir wie eine Fata Morgana, plötzlich große stabile Häuser und so viele Menschen zu sehen. Die Straße durch die Stadt war gesäumt von riesigen Bäumen, doch nirgends fanden sich Lebensmittelstände wie noch in Ngaoundéré oder in Bamenda. Viele Leute saßen auf ihren Gebetsteppichen im Sand oder liefen durch das trockene Flussbett, das quer durch Maroua verläuft. Hier gab es noch mehr Fahrräder und Kinder, die uns „Nassarra“ (Weiße) zuriefen. Ziemlich hungrig sind wir drei Abends entlang der Hauptstraße gelaufen, auf der Suche nach Essen und glücklicherweise fanden wir dieses winzige Schild, auf dem „Restaurant“ stand. Und hinter dem Tor lag eine für mich fremde Welt. In einem Autowaschpark mit viel Rasenfläche standen Tische und Stühle, eine kleine Smootie-Bretterbude bot frischen Ananas, - Mango, - Papaya, - oder Bananensaft an, es gab eine freundliche Bedienung die uns senegalesischen Reis mit Leber und Artischocken servierte und es gab tatsächlich Shishas, die neben den Tischen auf dem Rasen standen. Das versetzte mich in helle Freude, vor allem als ich sah, dass sogar die Frauen rauchten. Sie rauchten nicht nur Wasserpfeife, sondern auch Zigaretten und knutschten mit ihren Freunden rum. In aller Öffentlichkeit. Solch ein Spektakel habe ich in Bamenda noch nie zu Gesicht bekommen. Doch ich war verwirrt, denn ich befand mich auf sehr muslimisch geprägtem Boden und es gab immer noch zwei Eingänge an den Moscheen, einer für Männer und einer für Frauen. Vielleicht liegt es an der nahen Grenze zu Nigeria, obwohl dort die Anschläge der Islamisten auch immer mehr zunehmen. Oder, wenn die Frauen schon aus ihrer Rolle ausbrechen, dann aber richtig. Leider bin ich nicht auf die Idee gekommen, mich darüber mit Landsleuten zu unterhalten.
Im Vergleich zu Maroua ist Bamenda so eine luxuriöse Stadt mit unglaublich vielen Möglichkeiten für den Einzelnen. Hier findet man einerseits kaum etwas zu Essen auf der Straße, andererseits gibt es ein für Touristen angelegtes Kunsthandwerkszentrum, das „Centre Artisinal“ am großen Markt. Obwohl ich am Tag zuvor gesehen habe, unter welchen Bedingungen die Arbeiter die Tierhäute zu brauchbarem Leder verarbeiten (die Häute werden nämlich in stinkende Erdlöcher mit Vogelschiss und Regenwasser eingeweicht und getrocknet. Gott hat das gestunken, ich habe es dort nicht lange ausgehalten.) konnte ich es nicht lassen, mir zwei wunderschöne Ledergürtel und eine Tasche zu kaufen. Außerdem noch einen handgewebten Teppich, der nun mein Zimmer in Bamenda schmückt und über den ich mich jedes Ma freue, wenn ich nicht auf dem kalten Zementfußboden stehen muss. Alles in allem habe ich rund 35€ dort gelassen, verglichen mit gleichwertigen Produkten in Deutschland jedes ein Schnäppchen. Jedenfalls habe ich noch nirgends anders handgemachte Ledertaschen für 15€ gesehen.
Eigentlich dachte ich, unser Tagesausflug nach Rhumsiki würde ziemlich langweilig werden, denn was ich bisher über diese Gegend gelesen hatte, klang nicht wirklich spannend. Viele alte Vulkane. Dabei hatte ich doch auf dem Mount Cameroon bereits aktive Vulkane gesehen. Doch dieser Tag sollte nicht nur einer der faszinierendsten meines Jahres in Kamerun sein, sondern vielmehr einer der schönsten Tage meines gesamten 20-Jährigen Lebens. Ab Mokolo, einem Ort eine Stunde von Maroua entfernt, bekam jeder von uns dreien plus einem Italiener, den wir am Busbahnhof kennengelernt hatten, ein eigenes Motorrad mit Fahrer. Über eine Stunde lang ging es quer durch die Wüste auf einer Sandpiste mit einem Affentempo nach Rhumsiki. Wir sahen vielleicht aus, wie Taliban, das Gesicht vollkommen verschleiert mit Sonnenbrille, Kopftuch als Sonnenschutz und einem Tuch vor Mund und Nase als Staubschutz. Diese wunderschöne Vulkanlandschaft. Wer das als langweilig beschreibt, ist wahrlich nicht bei Sinnen. Was von den Vulkanen noch zu sehen war, war nicht die Hülle, sondern das zu Stein erstarrte Vulkaninnere. Über die Jahrmillionen wurde durch Erosionen die Steinhülle abgetragen und zurück blieben nur noch die bizarr aussehenden, spitzen Gipfel der Lava.
Kurz vor dem Ortseingang hielten wir an einem Restaurant, von dem uns bereits andere Freiwillige erzählt hatten. Was war das für ein Festmahl. Als der Besitzer uns von seinem Angebot erzählte, war Lissy so gerührt, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen und auch Anton und ich konnten erst einmal kaum fassen, was er da so erzählte… „Ich habe einen Freiwilligenrabatt, weil ihr oft all euer Erspartes aufbraucht, um in den Norden zu kommen. Mein Angebot für euch ist von Allem ein wenig…“ Und so kam es, dass wir für umgerechnet 6€ pro Person ein Fünf-Gänge Menü erhielten, mitten in der Wüste mit einer kühlen Coke dazu. Als Vorspeise gab es aus Reis- und Maismehl selbstgebackenes Brot mit einer Knoblauch-Ingwer-Soße und Thunfisch, gefolgt von Salat mit Tomaten, Paprika, Kohl, Karotten und Zwiebeln. Als Hauptspeise gab es eine Quiche mit Gemüse, dazu frittierte Sweet Potatoes, Pommes und Soya-Spieße (richtig gutes Soya, Eric, du wärst im Himmel!) und als Nachtisch einen Obstteller mit Mango, Bananen, Orangen und Lemontee und frischem Kaffee (nicht der Nescafé, der an jeder Straßenecke angeboten wird, sondern frisch gebrühter Kaffee!).
Nach diesem Festmahl ging es rein nach Rhumsiki und mit einem Mal fühlte ich mich, als wäre ich im Mittelalter gelandet. Da waren Kinder, die Wasserkanister auf Eseln transportierten, Lehmhütten und Ziegen, die durch die offenen Hütten sprangen. Nach einer kleinen Stadttour haben wir zum Abschied noch das Krabbenorakel besucht. Ein alter Mann hat eine Krabbe und ein Gefäß mit Stöcken und Hölzern. Dann darf man eine Frage stellen, die von jüngeren Einwohnern für den Alten auf Fulfulbe übersetzt werden und er setzt die Krabbe in dieses Gefäß, deckt es ab und dann wartet man. Meine Frage, ob ich eine erfolgreiche Journalistin werde und ob ich Glückseligkeit erlangen werde, hat er mir zufriedenstellend beantwortet.
Erneute 60km zurück nach Mokolo auf dem Motorrad, erneut dieses pure Freiheitsgefühl mit nichts als zwei Rädern und einem Sattel, die mich vom heißen Sand der Sahel-Wüste trennen. Ein unbeschreibliches Abenteuer.
Wir wollten es bis ganz in den Norden schaffen, bis hoch nach Kousseri im nördlichsten Zipfel, direkt an der Grenze zum Tschad. Daher taten wir uns erneut sechs Stunden Busfahrt an auf einer Straße, die alles andere als gut war. Sie war sogar so schlecht, dass der Bus teileweise auf dem Sand neben der Straße fuhr und so konnten wir abends noch den Sonnenuntergang über dem Chari-Fluss (der die Grenze zum Tschad darstellt) bewundern. Was wir nicht bedacht hatten, war, dass hier so weit im Norden weder Englisch noch Französisch gesprochen wird, sondern Arabisch, was zu leichten Verständigungsproblemen führte. Aber okay. Wir haben es schließlich gemeistert, irgendwie. Die Stadt kam mir als deutlich gefährlicher als die restlichen unserer Reise vor, oft fühlten wir uns verfolgt und all die Polizei- Kontrollen trugen ihr Übriges dazu bei, denn wir waren nun einmal in einem Grenzgebiet direkt in Westafrika, an links liegt Nigeria, von islamistischen Aufständen erschüttert, rechts lag der Tschad, eines der ärmsten Länder der Welt.
An Tag 11 wurde wieder einmal früh aufgestanden, um dann doch in der prallen Mittagshitze durch den Nationalpark bei Kousseri zu laufen. Lustig war, dass mich die Nilpferde, die im Fluss lagen, weniger beeindruckten als diese riesige Herde von Kühen, die in schier endloser Zahl an den Fluss zum tränken geführt wurden. Da unser Guide nicht wusste, wo genau sie unsere lang ersehnten Elefanten befanden, hat er uns kurzerhand unter einem großen, Schatten spendenden Baum zurückgelassen und sich auf die Suche nach den Dickhäutern gemacht. Es wäre nett gewesen, wenn er erwähnt hätte, dass er länger wegbleibt, denn nach einer Dreiviertelstunde des Wartens in der Hitze schmiedeten wir bereits Pläne, was wir hier so zum Überleben verzehren könnten und ab wann wir dazu bereit wären, das dreckige Flusswasser zu trinken. Gut, nach einer Stunde kam er dann wieder und über Dornengestrüpp und vertrocknetes Gras führte er uns zu einem weiteren großen Baum, unter dem ein riesiger Elefant Schatten suchte und sich mit seinen riesigen Ohren Luft zuwedelte. Riesig, er war so riesig. Langsam schlichen wir in ausreichendem Sicherheitsabstand von rund 80 Metern um ihn herum und sahen dann, dass neben ihm noch ein weiterer Elefant auf dem Boden lag und seinen Mittagsschlaf hielt. Ich schätze, das stehende Tier war bis zum Rumpf sicher fünf Meter hoch und mit dem Kopf noch über einen Meter größer und so sieben Meter lang. Dem wollte ich wirklich nicht zu nahe kommen. Allerdings war ich bei diesem Erlebnis nicht mehr wirklich aufnahmefähig. Dazu hatte ich in den vergangenen 11 Tagen zu viel Beeindruckendes gesehen und erlebt. Ich glaube, irgendwann passt einfach nichts mehr rein ins „Wow“- Abteil des Gehirns.
Insgesamt brauchten wir drei volle Tage, um von Kousseri zurück nach Bamenda in den Nordwesten zu fahren. Von Yaoundé aus hatten wir das Glück, die vordersten Plätze im Bus zu bekommen, mit grandioser Aussicht durch die Windschutzscheibe. Völlig ungeplant, mit Rucksäcken auf dem Rücken sind wir drei, Lissy, Anton und ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch den gesamten Norden Kameruns gereist. Das war definitiv der beste Trip meines Lebens.
Und ja, gedacht habe ich viel in den vergangenen zwei Wochen. Weil es mir arbeitstechnisch gesehen schon seit längerem nicht mehr gut geht, habe ich beschlossen, das Projekt zu wechseln. Bei Shumas fühle ich mich einfach nicht mehr wohl, weil ich bei der Arbeit einfach nicht unterstützt werde und alles, was ich machen will, zwar bejaht wird, aber ich letztendlich dann komplett allein dastehe und immer noch die kreative Weiße bin, die keine Motivation mehr findet. Dabei will ich die letzten drei Monate doch noch motiviert und kreativ sein. Für mich bedeutet das jedoch, dass ich meine lieben Trainees hinter mir lasse und bei YOP anfange. Da ist das Team jung und deutlich ambitionierter als mein Team bei Shumas. Das klingt zwar schade und ist es auch.
Aber ich bin immer noch auf der Suche… Nach was auch immer.
27. März 2012
Vermissen
Dass ich meine Familie hier sehr vermissen würde, war von dem Moment an klar, als ich mich dazu entschied, nach Kamerun zu gehen. Aber es fühlt sich anders an. Ich glaube, es gibt viele unterschiedliche Arten von Vermissen. Man kann den Freund, den man liebt, schon vermissen, wenn man nur einen Tag getrennt ist. Man kann die beste Freundin vermissen, wenn sie telefonisch nicht erreichbar ist. Man kann die Eltern vermissen, wenn man in den Urlaub fährt und sie einen nach 2 Wochen vom Flughafen abholen. Man kann die Oma vermissen, wenn sie an einem anderen Ort wohnt und man sie nur unregelmäßig sieht.
Eine ganz andere Art des Vermissens habe ich aber in den vergangenen acht Monaten erfahren. Ich glaube, dass ich mich hier nach meinen Wurzeln sehne. Mir wird bewusst, wie vergänglich alles ist. Seitdem ich in Kamerun bin, sind Worte, die ich mit meinen Liebsten am Telefon wechsle, so unglaublich wichtig geworden für mich. Neulich habe ich mit meiner Oma telefoniert und mich so unglaublich gefreut, von ihr zu hören. Wie es ihr geht, was sie so macht und und und. Ich merke, wie ich die Einzelheiten ganz anders aufnehme als vor meiner Reise. Das heißt, meine Art und Weise des Zuhörens hat sich irgendwie intensiviert. Ich nahm es immer als Selbstverständlichkeit hin, dass meine Geschwister da sind und ich an ihrem Leben teil hatte. Aber nun, da ich ein ganzes Jahr ihres Heranwachsens verpasse, sehne ich mich nach Informationen. Wie es ist für sie, umzuziehen? Sind sie vielleicht verknallt? Vermissen sie Sabrina? Ich merke immer mehr, wie es einfach keine Selbstverständlichkeit mehr ist, am Leben Anderer teilzuhaben. Das ist schade, aber ich bin froh um dieses neu erlangte Bewusstsein. Manchmal habe ich das Gefühl, ich wäre der einzige Mensch, der wirkliche Einsamkeit erfahren hat. Aber dann wird mir bewusst, dass es zu Tausenden andere Menschen gibt, die im selben Moment wie ich einen lieben Menschen vermissen. Wenn ich abends allein in der Küche stehe und überlege, was ich kochen soll, vermisse ich Eric. Er hat hier oft das Ruder in die Hand genommen und in der Küche herumhantiert. Meistens kam etwas Leckeres dabei raus und wenn nicht, war’s auch egal, weil man zusammen drüber lachen konnte. Wenn ich nur für mich koche, sind die Gerichte weniger ausgefallen und das langweilt mich aber es macht einfach keinen Spaß, alleine zu Essen (Auch, wenn es dann niemanden stört, wenn ich die Nudeln direkt aus dem Topf esse). Und wenn ich Eric vermisse, dann versuche ich mir vorzustellen, dass er mir das eine oder andere Mal doch auf den Geist gegangen ist. Aber trotz alledem ist er der Einzige, der weiß, wie es hier aussieht. Wie die Menschen reden. Vor allem, was die Menschen reden. Er weiß vielleicht nicht so gut wie ich, was hier alles vor sich geht, aber er hat einen guten Einblick gewinnen können.
Es nervt mich, wie ich hier von den Männern behandelt werde.
Von den „Alten“ wird mir gesagt, auch wenn ich einen Führerschein habe, könnte ich kein Auto fahren. Das ist viel zu gefährlich, vor allem für eine Weiße. Wenn ich mir in einer Bar eine Zigarette anzünde, werden mir hämische Blicke zugeworfen, wobei sie selber eine nach der anderen qualmen.
Von denen im mittleren Alter wird mir gesagt, Palmwein trinken ist nichts für Frauen. Dabei sind das diejenigen Kerle, die am Weltfrauentag den Frauen zugejubelt haben, als sie sich mit Bier und Wein betrunken haben und auf der Straße getanzt haben. Immerhin einen Abend lang.
Von den Jungs in meinem Alter bekomme ich zu hören, wie schön ich doch bin. Im zweiten Satz fällt dann „Hast du eigentlich einen Freund?“ und spätestens im dritten Satz wird mir klargemacht, dass er so unglaublich gerne im „Mein Land“ will (Ob ich nun aus England, Amerika oder Deutschland bin, ist ein unwichtiges Detail).
Und von den Kindern wird mir schon aus der Ferne das immergleiche Lied vom White Men mit der langen Nase vorgesungen.
Es ist langweilig und vielleicht auch voreilig, dieses Schubladen-System zu haben. Aber es ist bisher noch nicht vorgekommen, dass ich bei einem Kerl überfragt war und ihn nicht zuzuordnen wusste. Das ist so unglaublich schade. Ich glaube, dass es mir auch gerade deswegen so sehr fehlt, irgendwo jemanden kennen zu lernen und erst einmal mit ihm ins Gespräch zu kommen, bevor ich überlegen muss, ob ich ihn näher kennenlernen mag oder ihn gedanklich schon direkt in eine der Schubladen abgelegt habe und das Gespräch vorzeitig beende. Seit Eric weg ist, hat sich leider auch das Verhalten vieler Jungs mir gegenüber wieder verändert. Ich war meistens gemeinsam mit ihm unterwegs, so dass die meisten zu eingeschüchtert waren, mich anzuquatschen. Aber nun, wenn ich allein im Taxi sitze und der Fahrer mich die ganze Fahrt über ausquetscht, wie es mir denn hier gefällt, ob ich verheiratet bin und wieso ich denn keinen Taxifahrer heiraten will, wünsche ich mir eine weiße, männliche Person an meiner Seite.
Das Ganze steht im Gegensatz zu der Tatsache, dass ich stolz auf mich bin, wie ich mein Leben hier in die Hand nehme. Außerdem ist mir bewusst, wie anders meine Erfahrungen wahrscheinlich geworden wären, wenn ich nur unter Weißen wäre und quasi eine Parallelgesellschaft gegründet hätte. So ist es eigentlich ganz gut. Wenn ich will, kann ich meine „Weißen“ in ihren Städten besuchen, wenn mir danach ist. Die Einsamkeit, das Alleinsein, das ist wahrscheinlich alles ein Teil der Gesamterfahrung.
Und trotzdem, obwohl mir das alles bewusst ist und ich weiß, dass ich die meisten Leute in vier Monaten nahezu unverändert wieder treffen werde, fehlen sie mir so furchtbar. Es ist wie ein Dilemma, denn auch, wenn ich das Gefühl habe, nur über die Kameruner zu meckern, kann ich jetzt schon sagen, dass ich auch sie alle unheimlich vermissen würde. Und dies wird wieder eine andere Art des Vermissens sein, denn ich kann nicht sicher sein, dass ich jeden irgendwann noch einmal wiedersehen werde, obwohl ich fest vorhabe, in höchstens 10 Jahren noch einmal nach Bamenda zu kommen. Am liebsten würde ich dieses kleine süße Haus kaufen und jeden Winter hier verbringen. Aber das ist einfach nicht möglich.
Ich glaube, das Vermissen ist eine menschliche Eigenschaft, die zum Leben dazugehört wie das Verlangen nach Essen und Trinken, nach Liebe und Geborgenheit.
Ich möchte hiermit gerne noch einen Aufruf machen:
Im Bus habe ich einen Krankenpfleger kennengelernt, der in einem Krankenhaus für krebskranke Kinder in einem Dorf nahe Kumbo arbeitet. Eigentlich hatte ich nicht vor, je nach irgendwelchen Spenden aus Deutschland zu bitten, aber dieses Versprechen mit mir selbst breche ich nun.
Wenn Sie also irgendwelche ausrangierten Kinderspielzeuge haben, und seien es alle Arten von Bällen (Fußball, Tennisball, Wasserball etc), Farben (Wasserfarben, Kreide, die Buntstifte, die als Werbegeschenke verteilt werden), Faschings-Kostüme und alles, was sonst auf dem Dachboden oder im Keller verstauben würde.
Ich bitte sie hiermit, gemeinsam mit ein paar Freunden oder Bekannten all diese „Staubfänger“ einzusammeln und zu mir zu schicken. Leider verdiene ich nicht genug, um das Porto zu übernehmen, aber ich kann ihnen versprechen, dass sie damit den Kindern eine riesige Freude tun würden.
Als ich meinen Jungs bei Shumas den Ball zu Weihnachten gekauft habe, hätte ich vorher nie gedacht, dass so ein einfacher Ball die Stimmung so sehr heben könnte. Es gibt hier einfach noch zu viele Menschen, die aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden und mit einem Luftballon oder einem Malbuch haben sie etwas, dass ihnen Freude bereiten kann. Falls Bedenken sind, ob die Sachen auch ankommen, habe ich mir vorgenommen, jedes Kind mit seinem Geschenk zu fotografieren und vielleicht einen Dankesbrief von ihm zu bekommen (sofern sie schreiben können). Ich wäre Ihnen unglaublich dankbar und bitte sie, mich so bald wie möglich per Mail zu kontaktieren: Laura.albus@googlemail.com
Ein Paket nach Kamerun zu schicken dauert übrigens ungefähr einen Monat.
Eine ganz andere Art des Vermissens habe ich aber in den vergangenen acht Monaten erfahren. Ich glaube, dass ich mich hier nach meinen Wurzeln sehne. Mir wird bewusst, wie vergänglich alles ist. Seitdem ich in Kamerun bin, sind Worte, die ich mit meinen Liebsten am Telefon wechsle, so unglaublich wichtig geworden für mich. Neulich habe ich mit meiner Oma telefoniert und mich so unglaublich gefreut, von ihr zu hören. Wie es ihr geht, was sie so macht und und und. Ich merke, wie ich die Einzelheiten ganz anders aufnehme als vor meiner Reise. Das heißt, meine Art und Weise des Zuhörens hat sich irgendwie intensiviert. Ich nahm es immer als Selbstverständlichkeit hin, dass meine Geschwister da sind und ich an ihrem Leben teil hatte. Aber nun, da ich ein ganzes Jahr ihres Heranwachsens verpasse, sehne ich mich nach Informationen. Wie es ist für sie, umzuziehen? Sind sie vielleicht verknallt? Vermissen sie Sabrina? Ich merke immer mehr, wie es einfach keine Selbstverständlichkeit mehr ist, am Leben Anderer teilzuhaben. Das ist schade, aber ich bin froh um dieses neu erlangte Bewusstsein. Manchmal habe ich das Gefühl, ich wäre der einzige Mensch, der wirkliche Einsamkeit erfahren hat. Aber dann wird mir bewusst, dass es zu Tausenden andere Menschen gibt, die im selben Moment wie ich einen lieben Menschen vermissen. Wenn ich abends allein in der Küche stehe und überlege, was ich kochen soll, vermisse ich Eric. Er hat hier oft das Ruder in die Hand genommen und in der Küche herumhantiert. Meistens kam etwas Leckeres dabei raus und wenn nicht, war’s auch egal, weil man zusammen drüber lachen konnte. Wenn ich nur für mich koche, sind die Gerichte weniger ausgefallen und das langweilt mich aber es macht einfach keinen Spaß, alleine zu Essen (Auch, wenn es dann niemanden stört, wenn ich die Nudeln direkt aus dem Topf esse). Und wenn ich Eric vermisse, dann versuche ich mir vorzustellen, dass er mir das eine oder andere Mal doch auf den Geist gegangen ist. Aber trotz alledem ist er der Einzige, der weiß, wie es hier aussieht. Wie die Menschen reden. Vor allem, was die Menschen reden. Er weiß vielleicht nicht so gut wie ich, was hier alles vor sich geht, aber er hat einen guten Einblick gewinnen können.
Es nervt mich, wie ich hier von den Männern behandelt werde.
Von den „Alten“ wird mir gesagt, auch wenn ich einen Führerschein habe, könnte ich kein Auto fahren. Das ist viel zu gefährlich, vor allem für eine Weiße. Wenn ich mir in einer Bar eine Zigarette anzünde, werden mir hämische Blicke zugeworfen, wobei sie selber eine nach der anderen qualmen.
Von denen im mittleren Alter wird mir gesagt, Palmwein trinken ist nichts für Frauen. Dabei sind das diejenigen Kerle, die am Weltfrauentag den Frauen zugejubelt haben, als sie sich mit Bier und Wein betrunken haben und auf der Straße getanzt haben. Immerhin einen Abend lang.
Von den Jungs in meinem Alter bekomme ich zu hören, wie schön ich doch bin. Im zweiten Satz fällt dann „Hast du eigentlich einen Freund?“ und spätestens im dritten Satz wird mir klargemacht, dass er so unglaublich gerne im „Mein Land“ will (Ob ich nun aus England, Amerika oder Deutschland bin, ist ein unwichtiges Detail).
Und von den Kindern wird mir schon aus der Ferne das immergleiche Lied vom White Men mit der langen Nase vorgesungen.
Es ist langweilig und vielleicht auch voreilig, dieses Schubladen-System zu haben. Aber es ist bisher noch nicht vorgekommen, dass ich bei einem Kerl überfragt war und ihn nicht zuzuordnen wusste. Das ist so unglaublich schade. Ich glaube, dass es mir auch gerade deswegen so sehr fehlt, irgendwo jemanden kennen zu lernen und erst einmal mit ihm ins Gespräch zu kommen, bevor ich überlegen muss, ob ich ihn näher kennenlernen mag oder ihn gedanklich schon direkt in eine der Schubladen abgelegt habe und das Gespräch vorzeitig beende. Seit Eric weg ist, hat sich leider auch das Verhalten vieler Jungs mir gegenüber wieder verändert. Ich war meistens gemeinsam mit ihm unterwegs, so dass die meisten zu eingeschüchtert waren, mich anzuquatschen. Aber nun, wenn ich allein im Taxi sitze und der Fahrer mich die ganze Fahrt über ausquetscht, wie es mir denn hier gefällt, ob ich verheiratet bin und wieso ich denn keinen Taxifahrer heiraten will, wünsche ich mir eine weiße, männliche Person an meiner Seite.
Das Ganze steht im Gegensatz zu der Tatsache, dass ich stolz auf mich bin, wie ich mein Leben hier in die Hand nehme. Außerdem ist mir bewusst, wie anders meine Erfahrungen wahrscheinlich geworden wären, wenn ich nur unter Weißen wäre und quasi eine Parallelgesellschaft gegründet hätte. So ist es eigentlich ganz gut. Wenn ich will, kann ich meine „Weißen“ in ihren Städten besuchen, wenn mir danach ist. Die Einsamkeit, das Alleinsein, das ist wahrscheinlich alles ein Teil der Gesamterfahrung.
Und trotzdem, obwohl mir das alles bewusst ist und ich weiß, dass ich die meisten Leute in vier Monaten nahezu unverändert wieder treffen werde, fehlen sie mir so furchtbar. Es ist wie ein Dilemma, denn auch, wenn ich das Gefühl habe, nur über die Kameruner zu meckern, kann ich jetzt schon sagen, dass ich auch sie alle unheimlich vermissen würde. Und dies wird wieder eine andere Art des Vermissens sein, denn ich kann nicht sicher sein, dass ich jeden irgendwann noch einmal wiedersehen werde, obwohl ich fest vorhabe, in höchstens 10 Jahren noch einmal nach Bamenda zu kommen. Am liebsten würde ich dieses kleine süße Haus kaufen und jeden Winter hier verbringen. Aber das ist einfach nicht möglich.
Ich glaube, das Vermissen ist eine menschliche Eigenschaft, die zum Leben dazugehört wie das Verlangen nach Essen und Trinken, nach Liebe und Geborgenheit.
Ich möchte hiermit gerne noch einen Aufruf machen:
Im Bus habe ich einen Krankenpfleger kennengelernt, der in einem Krankenhaus für krebskranke Kinder in einem Dorf nahe Kumbo arbeitet. Eigentlich hatte ich nicht vor, je nach irgendwelchen Spenden aus Deutschland zu bitten, aber dieses Versprechen mit mir selbst breche ich nun.
Wenn Sie also irgendwelche ausrangierten Kinderspielzeuge haben, und seien es alle Arten von Bällen (Fußball, Tennisball, Wasserball etc), Farben (Wasserfarben, Kreide, die Buntstifte, die als Werbegeschenke verteilt werden), Faschings-Kostüme und alles, was sonst auf dem Dachboden oder im Keller verstauben würde.
Ich bitte sie hiermit, gemeinsam mit ein paar Freunden oder Bekannten all diese „Staubfänger“ einzusammeln und zu mir zu schicken. Leider verdiene ich nicht genug, um das Porto zu übernehmen, aber ich kann ihnen versprechen, dass sie damit den Kindern eine riesige Freude tun würden.
Als ich meinen Jungs bei Shumas den Ball zu Weihnachten gekauft habe, hätte ich vorher nie gedacht, dass so ein einfacher Ball die Stimmung so sehr heben könnte. Es gibt hier einfach noch zu viele Menschen, die aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden und mit einem Luftballon oder einem Malbuch haben sie etwas, dass ihnen Freude bereiten kann. Falls Bedenken sind, ob die Sachen auch ankommen, habe ich mir vorgenommen, jedes Kind mit seinem Geschenk zu fotografieren und vielleicht einen Dankesbrief von ihm zu bekommen (sofern sie schreiben können). Ich wäre Ihnen unglaublich dankbar und bitte sie, mich so bald wie möglich per Mail zu kontaktieren: Laura.albus@googlemail.com
Ein Paket nach Kamerun zu schicken dauert übrigens ungefähr einen Monat.
22. März 2012
217 Tage Kamerun
Minister,Laura, Shumas-Direktor
Wieder einmal habe ich mich aufgemacht, um in die Hauptstadt zu fahren. Doch dieses Mal war es etwas anderes. Ich fuhr nicht hin, um jemanden abzuholen oder zum Flughafen zu bringen, oder weil ich auf der Durchreise war. Nein, dieses Mal war ich ganz offiziell auf Geschäftsreise dort.
Aber fange ich mal von vorne an. Diejenigen, die mich gut kennen, werden gemerkt haben, dass es mir in letzter Zeit nicht besonders gut ging. Mich selbst in den Hintern tretend, damit ich die letzten viereinhalb Monate hier nicht elendig in Selbstmitleid verkümmere, hatte ich für Dienstag ein Gespräch mit meinem Chef vereinbart. Und dieses verlief wirklich mehr als erfolgreich für mich. Endlich habe ich wieder Aufgaben, die mir gefallen und mich auch außerhalb der Arbeitszeiten motivieren.
Zunächst einmal werde ich ab nächster Woche einen Französisch-Kurs besuchen. Obwohl ich schon stolz darauf sein könnte, was ich an Vokabeln auch ohne Kurs in den letzten Monaten bereits aufgeschnappt habe. Aber es ist einfach praktischer, mit den Frankophonen mehr kommunizieren zu können als „Je cherche la toilette“. Das ist grade deshalb besonders gut, da ich in den nächsten Monaten ziemlich oft auf Reisen sein werde. Mal im Raum Nordwest, mal im ganzen Land, denn ich bin nun ein Teil der „Facility Studies“. In Teams mit drei Leuten werde ich unterwegs sein, um die verschiedenen SHUMAS-Projekte in ganz Kamerun auf den Puls zu fühlen. Laufen die Arbeiten in den Projekten wie geplant? Treten Probleme auf? Meine Arbeit wird sein, alles fotografisch festzuhalten. Das bedeutet, nicht einfach Fotos zu machen, sondern möglich viel Inhalt in ein einzelnes Foto zu packen.
Dann darf ich bald endlich mein lang ersehntes eigenes Projekt verwirklichen, nämlich kamerunische Jobs genauer unter die Lupe nehmen. Auf die Idee bin ich schon letztes Jahr gekommen, als ich bemerkte, dass alle Möbel in Handarbeit entstehen. Würde ich einen handgemachten Schrank in Deutschland bestellen, würde mich das ein Vermögen kosten. Hier ist es normal, nichts Besonderes (In der Hinsicht, dass aber ein Schrank von Generation zu Generation weitergegeben wird, ist es zwar schon etwas Besonderes, sich einen neuen Schrank leisten zu können. Aber es geht hier nicht um die Häufigkeit eines Schrankkaufs, sondern um die Qualität und die Tatsache, einen handgefertigten Schrank in der Hand zu halten.)
Jedenfalls war ich letzte Woche für zwei Tage in der Hauptstadt. Ich fuhr mit dem Direktor in seinem Pick-Up die Strecke von 700km. Morgens um fünf gings los. Da ich irgendwann ziemlich angepisst war von der Fahrweise des Fahrers (viel zu schnell und unkontrolliert in den Kurven), habe ich mich kurzerhand selbst ans Steuer gesetzt und bin etwas über eine Stunde lang gefahren. Man, war das cool. Erst einmal der Fakt, einen Wagen über kamerunische Landstraßen zu befördern und außerdem, dass mir mein Chef das zugetraut hat. In Yaoundé angekommen, wurde ich erst einmal von einer Hitzewand erschlagen. Es war drückend schwül und mindestens 35°C heiß. Im Schatten! In Bamenda ist es zwar auch heiß, aber nicht so schwül und im Schatten ist es meist angenehm kühl. Also bin ich zunächst durch den riesigen Casino-Supermarkt spaziert. Ja wirklich, spaziert. Ich bin durch die Gänge gelaufen und habe viele Lebewesen dabei beobachtet, wie sie das (meiner Meinung nach) unnötigste Zeug in ihren Einkaufskorb packten. Ich war so baff von der unglaublich großen Käse- und Wursttheke, dass ich außer einer Ausgabe des „National Geographic“ nichts kaufen konnte. Es gab so viel Auswahl. Natürlich war es nicht wirklich etwas anderes, als durchs Aach Center zu laufen. Aber ich bin doch in Kamerun. Wenn ich an diesen Supermarkt mit den nahezu unbezahlbaren, Preisen denke, merke ich, wie sich automatisch mein Kopf schüttelt. Wer braucht denn all den Kram. All diese Weißen, die sich zu fein dafür sind, auf dem Markt einzukaufen und anstatt eines Wasserfilters lieber drei Sixpacks Wasser kaufen. Für so was habe ich leider kein Verständnis. Wahrscheinlich sind unter ihnen zahlreiche Entwicklungshelfer oder so etwas in der Art gewesen, denen es doch eigentlich bewusst sein sollte, dass sie dadurch nur der Wirtschaft Kameruns schaden. Kolonialisierung 2.0, ja, so kam mir das Geschehen vor. Mit meinem Magazin und einem Becher Kaffee bin ich dann in einen Park gegangen, den Kamerun vor einigen Jahren von den Chinesen gestaltet bekommen hat. In einem schattigen Plätzchen habe ich es mir dann für einige Stunden gemütlich gemacht, bis ich ein paar andere Freiwillige besucht habe. Irgendwie ist auch das komisch. Ich freue mich zwar immer, bekannte deutsche Gesichter zu sehen, aber ich bin lieber allein auf Entdeckungsreise durch die fremden Städte und versuche mich, ohne Französisch, dafür mit Händen und Füßen durchzuboxen.
Am nächsten Morgen hatte ich richtige Lust auf einen guten Kaffee und bin auf ins Bastos, dem Regierungsviertel Kameruns. Dort haben alle Botschaften, Ministerien und wichtige große Unternehmen ihren Hauptsitz (auch die GIZ). So viele Weiße! Echt ein komisches Gefühl, dass mir aber eine kleine Vorahnung gab, wie ich mich wahrscheinlich am Flughafen in Paris bzw. Stuttgart fühlen werde. Im „Espresso House“ habe ich mir dann einen völlig überteuerten Latte Macchiato gegönnt (1800frs, also knapp 3€. In Bamenda kostet er 700frs, also nicht einmal 1€). Diese Bar war wirklich europäisch eingerichtet. Loungesessel, dunkle Möbel, beleuchtete Regale mit allerhand Spirituosen und einer Karte, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Und während ich so in mein Notizbuch kritzelte, stieg mir auf einmal ein ziemlich bekannter Geruch in die Nase. Das konnte doch nicht sein. Und dann sah ich sie: Eine riesige Shisha stand auf dem Tisch zwischen drei Kamerunern. Grade, als ich zu ihnen gehen wollte, klingelte jedoch mein Handy und mein Chef sagte: „Komm bitte jetzt zum Ministerium.“ Na Klasse. Der Termin beim Minister selbst war schnell erledigt und etwas dreist hat er mich dann ernsthaft nach meiner Handynummer gefragt. „Ehm, ja, mein Handy wurde mir leider letzte Woche geklaut und ich habe noch keine neue Nummer“, log ich. Für wen hält der sich eigentlich?
Dann ging es auch schon zurück nach Bamenda.
Am Wochenende habe ich dann endlich Lissy und Anton in Bali besucht. Kaum zu glauben, sie wohnen nur 20km entfernt und trotzdem habe ich es erst jetzt geschafft, ihnen einen Besuch abzustatten. Anton hat derzeit Besuch von einem Freund und seiner Freundin, daher wurde es ein lustiger Abend in der Bar. Wie soll ich es sagen, sie haben mich tatkräftig unterstützt auf der Suche nach den Akon-Tickets. Unter jedem Smirnoff-Deckel könnte nämlich, laut Werbung, ein Ticket für das Akon-Konzert am 25.März in Douala stecken. Gewonnen haben wir, natürlich, keins. Als ich aus Bali zurückkehrte, war auch Franzi mittlerweile wieder aus Paris da. Als Mitbringsel lagen zwei französische Musikmagazine auf meinem Sofa, beide mit langen Bob Dylan-Artikeln gefüllt. Immerhin konnte ich mir die Fotos anschauen, wenn ich auch den Inhalt der Texte nur erraten konnte. Wir haben dann lange über uns und unsere Wohnsituation geredet. Da ja von Anfang an feststand, als sie auszog, dass sie am Ende unseres Jahres wieder einziehen möchte, haben wir uns dazu entschlossen, dass im Mai wahrscheinlich der ideale Zeitpunkt für ihre Rückkehr gekommen sei. Zunächst hoffe ich jedoch auf die sieben Konstanzer Studenten, die ich kurzzeitig bei mir herbergen lasse.
Den darauffolgenden Abend habe ich mit Gana, einem Freund, am Yop-Büro verbracht, wo wir stundenlang über Gott und die Welt diskutierten. Entwicklungshilfe, NGO`s, Freizeitgestaltungen, Subkulturen, Freundeskreise, wir sind von einem Thema ins nächste gesprungen und obwohl ich Phil und Stanley beide sehr gern hab, war es nett, auch mal mit einem anderen Kameruner etwas Zeit zu verbringen. Leider kam er dann auf das Thema „Laura“ und gestand mir, dass er schon seit er mich das erste Mal sah, in mich verliebt sei. Damit hatte ich dann doch ein Problem, denn in Deutschland haben mir nicht wirklich viele Kerle ihre Liebe gestanden und nun hier scheint einer nach dem anderen zu kommen (das klingt natürlich übertrieben und eitel, aber im Grunde genommen ist es so). Der einzige Unterschied zwischen mir und einer Kamerunerin besteht doch aus der Hautfarbe und dem Herkunftsland. Ich bin wirklich froh, zurück in Deutschland wieder dann anonym zu sein und nicht aus der Masse hervorzustechen und ständig auf die Frage antworten zu müssen: „Wo kommst du her?“
Wieder einmal habe ich mich aufgemacht, um in die Hauptstadt zu fahren. Doch dieses Mal war es etwas anderes. Ich fuhr nicht hin, um jemanden abzuholen oder zum Flughafen zu bringen, oder weil ich auf der Durchreise war. Nein, dieses Mal war ich ganz offiziell auf Geschäftsreise dort.
Aber fange ich mal von vorne an. Diejenigen, die mich gut kennen, werden gemerkt haben, dass es mir in letzter Zeit nicht besonders gut ging. Mich selbst in den Hintern tretend, damit ich die letzten viereinhalb Monate hier nicht elendig in Selbstmitleid verkümmere, hatte ich für Dienstag ein Gespräch mit meinem Chef vereinbart. Und dieses verlief wirklich mehr als erfolgreich für mich. Endlich habe ich wieder Aufgaben, die mir gefallen und mich auch außerhalb der Arbeitszeiten motivieren.
Zunächst einmal werde ich ab nächster Woche einen Französisch-Kurs besuchen. Obwohl ich schon stolz darauf sein könnte, was ich an Vokabeln auch ohne Kurs in den letzten Monaten bereits aufgeschnappt habe. Aber es ist einfach praktischer, mit den Frankophonen mehr kommunizieren zu können als „Je cherche la toilette“. Das ist grade deshalb besonders gut, da ich in den nächsten Monaten ziemlich oft auf Reisen sein werde. Mal im Raum Nordwest, mal im ganzen Land, denn ich bin nun ein Teil der „Facility Studies“. In Teams mit drei Leuten werde ich unterwegs sein, um die verschiedenen SHUMAS-Projekte in ganz Kamerun auf den Puls zu fühlen. Laufen die Arbeiten in den Projekten wie geplant? Treten Probleme auf? Meine Arbeit wird sein, alles fotografisch festzuhalten. Das bedeutet, nicht einfach Fotos zu machen, sondern möglich viel Inhalt in ein einzelnes Foto zu packen.
Dann darf ich bald endlich mein lang ersehntes eigenes Projekt verwirklichen, nämlich kamerunische Jobs genauer unter die Lupe nehmen. Auf die Idee bin ich schon letztes Jahr gekommen, als ich bemerkte, dass alle Möbel in Handarbeit entstehen. Würde ich einen handgemachten Schrank in Deutschland bestellen, würde mich das ein Vermögen kosten. Hier ist es normal, nichts Besonderes (In der Hinsicht, dass aber ein Schrank von Generation zu Generation weitergegeben wird, ist es zwar schon etwas Besonderes, sich einen neuen Schrank leisten zu können. Aber es geht hier nicht um die Häufigkeit eines Schrankkaufs, sondern um die Qualität und die Tatsache, einen handgefertigten Schrank in der Hand zu halten.)
Jedenfalls war ich letzte Woche für zwei Tage in der Hauptstadt. Ich fuhr mit dem Direktor in seinem Pick-Up die Strecke von 700km. Morgens um fünf gings los. Da ich irgendwann ziemlich angepisst war von der Fahrweise des Fahrers (viel zu schnell und unkontrolliert in den Kurven), habe ich mich kurzerhand selbst ans Steuer gesetzt und bin etwas über eine Stunde lang gefahren. Man, war das cool. Erst einmal der Fakt, einen Wagen über kamerunische Landstraßen zu befördern und außerdem, dass mir mein Chef das zugetraut hat. In Yaoundé angekommen, wurde ich erst einmal von einer Hitzewand erschlagen. Es war drückend schwül und mindestens 35°C heiß. Im Schatten! In Bamenda ist es zwar auch heiß, aber nicht so schwül und im Schatten ist es meist angenehm kühl. Also bin ich zunächst durch den riesigen Casino-Supermarkt spaziert. Ja wirklich, spaziert. Ich bin durch die Gänge gelaufen und habe viele Lebewesen dabei beobachtet, wie sie das (meiner Meinung nach) unnötigste Zeug in ihren Einkaufskorb packten. Ich war so baff von der unglaublich großen Käse- und Wursttheke, dass ich außer einer Ausgabe des „National Geographic“ nichts kaufen konnte. Es gab so viel Auswahl. Natürlich war es nicht wirklich etwas anderes, als durchs Aach Center zu laufen. Aber ich bin doch in Kamerun. Wenn ich an diesen Supermarkt mit den nahezu unbezahlbaren, Preisen denke, merke ich, wie sich automatisch mein Kopf schüttelt. Wer braucht denn all den Kram. All diese Weißen, die sich zu fein dafür sind, auf dem Markt einzukaufen und anstatt eines Wasserfilters lieber drei Sixpacks Wasser kaufen. Für so was habe ich leider kein Verständnis. Wahrscheinlich sind unter ihnen zahlreiche Entwicklungshelfer oder so etwas in der Art gewesen, denen es doch eigentlich bewusst sein sollte, dass sie dadurch nur der Wirtschaft Kameruns schaden. Kolonialisierung 2.0, ja, so kam mir das Geschehen vor. Mit meinem Magazin und einem Becher Kaffee bin ich dann in einen Park gegangen, den Kamerun vor einigen Jahren von den Chinesen gestaltet bekommen hat. In einem schattigen Plätzchen habe ich es mir dann für einige Stunden gemütlich gemacht, bis ich ein paar andere Freiwillige besucht habe. Irgendwie ist auch das komisch. Ich freue mich zwar immer, bekannte deutsche Gesichter zu sehen, aber ich bin lieber allein auf Entdeckungsreise durch die fremden Städte und versuche mich, ohne Französisch, dafür mit Händen und Füßen durchzuboxen.
Am nächsten Morgen hatte ich richtige Lust auf einen guten Kaffee und bin auf ins Bastos, dem Regierungsviertel Kameruns. Dort haben alle Botschaften, Ministerien und wichtige große Unternehmen ihren Hauptsitz (auch die GIZ). So viele Weiße! Echt ein komisches Gefühl, dass mir aber eine kleine Vorahnung gab, wie ich mich wahrscheinlich am Flughafen in Paris bzw. Stuttgart fühlen werde. Im „Espresso House“ habe ich mir dann einen völlig überteuerten Latte Macchiato gegönnt (1800frs, also knapp 3€. In Bamenda kostet er 700frs, also nicht einmal 1€). Diese Bar war wirklich europäisch eingerichtet. Loungesessel, dunkle Möbel, beleuchtete Regale mit allerhand Spirituosen und einer Karte, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Und während ich so in mein Notizbuch kritzelte, stieg mir auf einmal ein ziemlich bekannter Geruch in die Nase. Das konnte doch nicht sein. Und dann sah ich sie: Eine riesige Shisha stand auf dem Tisch zwischen drei Kamerunern. Grade, als ich zu ihnen gehen wollte, klingelte jedoch mein Handy und mein Chef sagte: „Komm bitte jetzt zum Ministerium.“ Na Klasse. Der Termin beim Minister selbst war schnell erledigt und etwas dreist hat er mich dann ernsthaft nach meiner Handynummer gefragt. „Ehm, ja, mein Handy wurde mir leider letzte Woche geklaut und ich habe noch keine neue Nummer“, log ich. Für wen hält der sich eigentlich?
Dann ging es auch schon zurück nach Bamenda.
Am Wochenende habe ich dann endlich Lissy und Anton in Bali besucht. Kaum zu glauben, sie wohnen nur 20km entfernt und trotzdem habe ich es erst jetzt geschafft, ihnen einen Besuch abzustatten. Anton hat derzeit Besuch von einem Freund und seiner Freundin, daher wurde es ein lustiger Abend in der Bar. Wie soll ich es sagen, sie haben mich tatkräftig unterstützt auf der Suche nach den Akon-Tickets. Unter jedem Smirnoff-Deckel könnte nämlich, laut Werbung, ein Ticket für das Akon-Konzert am 25.März in Douala stecken. Gewonnen haben wir, natürlich, keins. Als ich aus Bali zurückkehrte, war auch Franzi mittlerweile wieder aus Paris da. Als Mitbringsel lagen zwei französische Musikmagazine auf meinem Sofa, beide mit langen Bob Dylan-Artikeln gefüllt. Immerhin konnte ich mir die Fotos anschauen, wenn ich auch den Inhalt der Texte nur erraten konnte. Wir haben dann lange über uns und unsere Wohnsituation geredet. Da ja von Anfang an feststand, als sie auszog, dass sie am Ende unseres Jahres wieder einziehen möchte, haben wir uns dazu entschlossen, dass im Mai wahrscheinlich der ideale Zeitpunkt für ihre Rückkehr gekommen sei. Zunächst hoffe ich jedoch auf die sieben Konstanzer Studenten, die ich kurzzeitig bei mir herbergen lasse.
Den darauffolgenden Abend habe ich mit Gana, einem Freund, am Yop-Büro verbracht, wo wir stundenlang über Gott und die Welt diskutierten. Entwicklungshilfe, NGO`s, Freizeitgestaltungen, Subkulturen, Freundeskreise, wir sind von einem Thema ins nächste gesprungen und obwohl ich Phil und Stanley beide sehr gern hab, war es nett, auch mal mit einem anderen Kameruner etwas Zeit zu verbringen. Leider kam er dann auf das Thema „Laura“ und gestand mir, dass er schon seit er mich das erste Mal sah, in mich verliebt sei. Damit hatte ich dann doch ein Problem, denn in Deutschland haben mir nicht wirklich viele Kerle ihre Liebe gestanden und nun hier scheint einer nach dem anderen zu kommen (das klingt natürlich übertrieben und eitel, aber im Grunde genommen ist es so). Der einzige Unterschied zwischen mir und einer Kamerunerin besteht doch aus der Hautfarbe und dem Herkunftsland. Ich bin wirklich froh, zurück in Deutschland wieder dann anonym zu sein und nicht aus der Masse hervorzustechen und ständig auf die Frage antworten zu müssen: „Wo kommst du her?“
5. März 2012
Wie fühlt sich das denn an?
Ich lebe derzeit in einem Land, in dem die Armut nicht auf den ersten Blick spürbar ist. Ich habe erst ein einziges Mal in sieben Monaten Kamerun jemanden auf der Straße schlafen sehen. Dennoch ist die Armut allgegenwärtig. Sie sieht nur eben anders aus, als wir sie aus Deutschland kennen oder sie uns in Entwicklungsländern vorstellen. Denn selbst die, die an der Straße ihr Obst und Gemüse verkaufen, verdienen nicht genug, um sich selbst – geschweige denn die Familie – davon ernähren zu können. So kommt es, dass viele Menschen hier zwei oder drei Jobs haben und sie so morgens Zimmer von wohlhabenden Familien putzen und deren Wäsche waschen, nachmittags auf dem Feld hinterm Haus Kartoffeln aus dem Boden graben und ab Einbruch der Dunkelheit als Nachtwächter Gebäude bewachen. Trotzdem verdienen sie nicht genug. Sicher, das ist unfair. Aber ich will auf etwas anderes hinaus.
Aber wie ist das eigentlich, mal ohne Geld dazustehen?
Wie fühlt sich das an, nicht einmal mehr 100frs für ein Taxi zu haben?
Ich bin nicht arm, aber dennoch musste ich die letzte halbe Woche ohne Geld auskommen. Von Dienstag (28.02.) bis Samstagabend (03.03.) hatte ich kein Geld zur Verfügung. Die Kreditkarte war ausgelastet, leihen wollte ich mir nichts mehr und bis eine Überweisung ankommt, dauert es leider auch mehr als bloß ein paar Stunden.
Normalerweise habe ich Ende des Monats immer noch genügend Geld, um bei Überweisungsproblemen einen Not-Vorrat auf der Seite liegen zu haben. Im Februar-März-Übergang sah das allerdings anders aus. Als ich am Mittwochmorgen aus der Hauptstadt Yaoundé zurück in den Nordwesten nach Bamenda kam, war ich nicht nur pleite, zudem war ich auch völlig überfordert mit der Situation, von nun an allein in meinem geliebten kleinen Häuschen zu wohnen. Da ich fast eine Woche lang unterwegs war, gab es keine verderblichen Lebensmittel mehr im Haus. Alles, was ich hatte, war ein halbes Kilo Mehl und eine Tasse Reis. Ich hatte noch Gemüsebrühe im Regal, genau wie eine Dose Pilze und ein Stückchen Butter, sowie diverse Gewürze und einen Klecks Ketchup in der Flasche. Großartig.
Mittwochnachmittag gab es also in Gemüsebrühe gekochten Reis und am Abend ein aus Mehl, Wasser und Salz zubereitetes Stück Fladenbrot. Frühstück fiel Donnerstag aus, mittags gab es wieder Fladenbrot, dieses Mal allerdings fast in Gourmetqualität (denn ich genoss dazu die Pilze, in Butter mit einem bisschen Lauch aus dem Garten angebraten). Abends gab es das Fladenbrot ohne Pilze, dafür mit dem letzten Klecks Ketchup. Und wer hätte es gedacht, Freitag ging es mit Fladenbrot und Gemüsebrühe-Reis weiter. Einmal Essen am Tag muss reichen. Und Samstag, nunja, da fiel das Essen (bis auf eine Banane, die ich von Franzis Freund geschenkt bekam) bis Abends aus, als ich mir so unheimlich dämlich und überglücklich zugleich vorkam, während ich das Geld aus dem Automaten entgegennahm.
Klar, ich hätte jederzeit zu den Nachbarn gehen können, um etwas zu Essen und zu Quatschen. Dazu war ich jedoch einfach nicht in der Lage. Zum einen wäre ich mir vorgekommen wie eine Heuchlerin, die bloß, um etwas Essbares abzugreifen, einen Smalltalk beginnt. Zum anderen war mir auch einfach nicht nach Reden zumute, weil ich im Grunde einfach traurig war, dass die drei Monate mit meinem besten Freund so schnell vorbeigingen. Es war ein komplettes Gedankenchaos, auf dessen Spitze die Geldnot prangte.
Nachdem ich dann überraschenderweise am Samstagabend doch wieder Geld hatte, kam mir die Gesamtsituation so abwegig vor, wie man es sich kaum vorstellen konnte. Ich ging in einen Shop und habe alles Notwendige gekauft, was ich brauchte. Milchpulver, Eier, Öl, Brot… Plötzlich kamen mir diese Lebensmittel so unglaublich teuer vor. Die 150frs (0,22€) Taxigeld in die Stadt musste ich mir leihen, und mit einem Mal konnte ich Milchpulver für 2400frs (3,60€) ohne Probleme zahlen.
Ich kann daraus zwar keine Lehre ziehen oder gar behaupten, ich würde nun wissen, wie sich Armut anfühlt. Ich kann aber sagen, dass ich es (im Nachhinein) als eine interessante Erfahrung bezeichne. Was noch bemerkenswert ist, ist, wie sich mein gesamtes Denken bei dem erfolgreichen Geld-Abheben verändert hat. Vorher war ich beinahe depressiv von all dem Erlebten der vergangenen Woche und mit einem Mal hatte ich Geld in der Tasche und konnte ohne auch nur mit der Wimper zu zucken die 100frs (0,15€) für eine Bikefahrt von einem zum nächsten Shop bezahlen. Und überhaupt wurde mir bewusst, wie sehr ich Bamenda doch in dieser Zeit vermisst habe, das Motorradtaxi- Fahren, die freundlichen Leute in der Stadt, die vielen Obst- und Gemüsestände und ja, selbst das „angemacht werden“ hat seinen Teil dazu beigetragen, dass ich mich wieder wohl in meiner Haut fühle. Obwohl ich sehr viel seelische Unterstützung von Freunden und insbesondere der Familie meines besten Freundes hatte, lag es letztendlich doch an mir selber, mein Wohlbefinden zu verbessern.
Ich musste mir erst selbst so was von kräftig in den Arsch treten, um aus meinem Selbstmitleids-Loch herauszukriechen, da war das gute Zureden von Anderen wie Perlen vor die Säue zu werfen (obwohl es – also das Zureden – vielleicht ein kleiner Stein war, der die Lawine – also meinen Gang in die Stadt – dann endlich ins Rollen brachte).
Ich bin jedenfalls unglaublich dankbar für so vieles derzeit.
Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung „Leben in Kamerun“ machen darf.
Ich bin dankbar, dass Eric drei Monate hier mit mir gearbeitet, gelebt und mir ein guter Freund war.
Ich bin dankbar, dass sich so viele Leute regelmäßig die Zeit nehmen, um sich diesem Blog zu widmen, obwohl sie in der Zeit sicher tausend andere Dinge zu erledigen hätten.
Und ich bin dankbar, dass ich so viele tolle Menschen kenne, die mich lieben, wie ich bin und mit dem Herzen dabei sind, wenn sie mir mit Rat und Tat zur Seite stehen und dabei auch noch nette Worte für mich haben. Danke.
1. März 2012
Sinn oder Sinnlos
Was zum Henker mache ich hier eigentlich? Diese Frage stellt sich mir des Öfteren. In letzter Zeit besonders häufig.
Dabei habe ich viel gemacht. Ich habe einen Ausstellungsraum gestrichen und umdekoriert, dabei hatte ich Hilfe von einem sehr guten Freund. Ich habe ihm das Land, mein Land, Kamerun gezeigt und ihn am Flughafen wieder verabschiedet. Ich war mit ihm in verschiedenen Städten und bin nach seiner Rückkehr auf eigene Faust nach Mbalmayo gereist. Dabei hatte ich fast vergessen, wie es ist, alleine zu Reisen. Wenn du kein französisch sprichst, aber im frankophonen Teil Kameruns unterwegs bist, kann das durchaus aufregend sein. Ist es in gewissem Sinne auch. Aber dennoch, jetzt bin ich wieder zurück in Bamenda, in der ich die Sprache verstehe und ich habe Pläne für die nächste Zeit. Viele tolle, großartige Pläne. Ich habe einen Künstler kennengelernt, den ich gerne mit zu Shumas nehmen würde, um dort mit ihm und den Trainees zu malen. Dann möchte ich mir ein Fahrrad leihen und ans Meer fahren. Ich möchte endlich lernen, kamerunische Gerichte zu kochen. Meine Wohnzimmerwände möchte ich anmalen, an die Kunst der Goa angelehnt. Außerdem will ich mir eine Gitarre kaufen und lernen, sie zu spielen. Und was noch wichtiger ist, ich möchte öfter einen Blogeintrag schreiben.
Aber wo ist sie, die Motivation? Ich kann sie beim besten Willen nicht mehr finden. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich den Freiwilligendienst, den ich hier mache, mittlerweile eher negativ kritisch betrachte. Klar, es ist immer noch eine gute Entscheidung gewesen, hierher zu kommen. Sonst hätte sich meine Sicht auf die Welt nicht verändert. Aber dennoch, als Ganzes gesehen ist Weltwärts eher als unnötig zu betrachten.
Wir, die Weltwärts- Freiwilligen, werden aus zahlreichen Bewerbern ausgewählt und dürfen uns auf verschiedene Projekte in Entwicklungsländern bewerben. Bei einer Zusage nehmen wir an einem Seminar teil, in dem über Rassismus, Kultur und vieles gesprochen wird, das uns im Auslandsjahr helfen soll. Wir wissen grob, in welchem Projekt wir arbeiten werden. Die Wirklichkeit aber sieht ganz anders aus. Ich arbeite theoretisch in einer Behindertenwerkstatt. Praktisch allerdings gibt es dort für mich nicht die Art von Verwendung, die ich mir eigentlich gewünscht hatte. Ich habe zwar alle Freiheiten, was die Gestaltung des Arbeitsalltags betrifft, aber in diesem Sinne will ich das gar nicht. Wenn ich zum Chef gehe und sage, ich möchte gerne mit den Trainees malen, kommt die Antwort „Okay, gute Idee, mach das!“. Und von diesem Punkt an muss man alles allein organisieren, sich eventuellen Problemen stellen und das Projekt zu Ende bringen. Das mag für all die, die den deutschen Arbeitsalltag gewöhnt sind und sich dort mehr Freiheiten und Kreativität wünschen, fabelhaft klingen. Ist es aber definitiv nicht, denn der Mensch kann sich nicht Tag für Tag aufs Neue motivieren in Projekten zu arbeiten, die er sich nur deshalb überlegt hat, weil er sonst Däumchen drehend am Schreibtisch sitzen würde.
Wahrscheinlich ist es normal, in einem Motivations-Tief alles ein wenig anders zu hinterfragen, denn sonst würde man aus schwierigen Zeiten nichts lernen. Die Sache mit der Motivation ist ein komisches Konstrukt aus Gefühlen, dem Umfeld, der Stimmung und vielen weiteren Faktoren.
In Mbalmayo habe ich ein Buch auf Micas Tisch gesehen. „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder. Dieses Buch habe ich mit 15 gelesen, ein Buch über die Geschichte der Philosophie und schon damals hat es mich sehr zum Nachdenken gebracht. Vielleicht war es dieses eine Buch, weshalb ich heute so denke, wie ich es eben tue. Vielleicht auch nicht, ich kann es nicht sagen. Jedenfalls habe ich mir dieses Buch ausgeliehen, aber anstatt zu lesen, habe ich dann doch zurück in Bamenda ein paar Filme angeschaut. Wieso ist das so wichtig und was hat das mit Motivation zu tun? Ich versuche, es zu erklären: Weil man die Wahl hat. Als ich losgelaufen bin ins Büro, habe ich das Buch direkt eingepackt. Das ist doch total bekloppt. Woanders kann ich lesen, aber zu Hause nicht? Ich glaube, es hat auch etwas mit dem Alleinsein zu tun. Wenn ich auf meinem Laptop einen Film schaue, dann zieht mich dieser Film in eine eigene Welt. Ich sehe die Bilder wirklich, ich höre echt Stimmen. Lese ich aber ein Buch, spielt sich alles nur in meinem Kopf ab und das Risiko ist höher, dass mir das Alleinsein bewusst wird. Wenn ich das Buch aber mitnehme und es auf der Veranda vom Yop-Büro lese, kann es sein, das Leute vorbeikommen und mit mir reden, mich ablenken. Ich bin nicht allein, wenn ich lese. Das sind verquerte Gedanken, dessen bin ich mir bewusst und es ist keine Schande, mir nicht folgen zu können.
Um an meinen letzten Blogeintrag anzuschließen, ich habe mich letztendlich dann für meine traditionelle Hose und ein schlichtes schwarzes Top entschieden, um den Politiker zu treffen. Das Abendessen selbst lief etwas anders ab als erwartet, aber so ist das ja meistens. Es war nett, aber irgendwie nicht berichterstattungswert. Im Regen wurde ich dann von meinem Bike-Fahrer nach Hause gebracht, der mir sogar seine Regenjacke auslieh! Dank an meinen Okada-Fahrer.
Dabei habe ich viel gemacht. Ich habe einen Ausstellungsraum gestrichen und umdekoriert, dabei hatte ich Hilfe von einem sehr guten Freund. Ich habe ihm das Land, mein Land, Kamerun gezeigt und ihn am Flughafen wieder verabschiedet. Ich war mit ihm in verschiedenen Städten und bin nach seiner Rückkehr auf eigene Faust nach Mbalmayo gereist. Dabei hatte ich fast vergessen, wie es ist, alleine zu Reisen. Wenn du kein französisch sprichst, aber im frankophonen Teil Kameruns unterwegs bist, kann das durchaus aufregend sein. Ist es in gewissem Sinne auch. Aber dennoch, jetzt bin ich wieder zurück in Bamenda, in der ich die Sprache verstehe und ich habe Pläne für die nächste Zeit. Viele tolle, großartige Pläne. Ich habe einen Künstler kennengelernt, den ich gerne mit zu Shumas nehmen würde, um dort mit ihm und den Trainees zu malen. Dann möchte ich mir ein Fahrrad leihen und ans Meer fahren. Ich möchte endlich lernen, kamerunische Gerichte zu kochen. Meine Wohnzimmerwände möchte ich anmalen, an die Kunst der Goa angelehnt. Außerdem will ich mir eine Gitarre kaufen und lernen, sie zu spielen. Und was noch wichtiger ist, ich möchte öfter einen Blogeintrag schreiben.
Aber wo ist sie, die Motivation? Ich kann sie beim besten Willen nicht mehr finden. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich den Freiwilligendienst, den ich hier mache, mittlerweile eher negativ kritisch betrachte. Klar, es ist immer noch eine gute Entscheidung gewesen, hierher zu kommen. Sonst hätte sich meine Sicht auf die Welt nicht verändert. Aber dennoch, als Ganzes gesehen ist Weltwärts eher als unnötig zu betrachten.
Wir, die Weltwärts- Freiwilligen, werden aus zahlreichen Bewerbern ausgewählt und dürfen uns auf verschiedene Projekte in Entwicklungsländern bewerben. Bei einer Zusage nehmen wir an einem Seminar teil, in dem über Rassismus, Kultur und vieles gesprochen wird, das uns im Auslandsjahr helfen soll. Wir wissen grob, in welchem Projekt wir arbeiten werden. Die Wirklichkeit aber sieht ganz anders aus. Ich arbeite theoretisch in einer Behindertenwerkstatt. Praktisch allerdings gibt es dort für mich nicht die Art von Verwendung, die ich mir eigentlich gewünscht hatte. Ich habe zwar alle Freiheiten, was die Gestaltung des Arbeitsalltags betrifft, aber in diesem Sinne will ich das gar nicht. Wenn ich zum Chef gehe und sage, ich möchte gerne mit den Trainees malen, kommt die Antwort „Okay, gute Idee, mach das!“. Und von diesem Punkt an muss man alles allein organisieren, sich eventuellen Problemen stellen und das Projekt zu Ende bringen. Das mag für all die, die den deutschen Arbeitsalltag gewöhnt sind und sich dort mehr Freiheiten und Kreativität wünschen, fabelhaft klingen. Ist es aber definitiv nicht, denn der Mensch kann sich nicht Tag für Tag aufs Neue motivieren in Projekten zu arbeiten, die er sich nur deshalb überlegt hat, weil er sonst Däumchen drehend am Schreibtisch sitzen würde.
Wahrscheinlich ist es normal, in einem Motivations-Tief alles ein wenig anders zu hinterfragen, denn sonst würde man aus schwierigen Zeiten nichts lernen. Die Sache mit der Motivation ist ein komisches Konstrukt aus Gefühlen, dem Umfeld, der Stimmung und vielen weiteren Faktoren.
In Mbalmayo habe ich ein Buch auf Micas Tisch gesehen. „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder. Dieses Buch habe ich mit 15 gelesen, ein Buch über die Geschichte der Philosophie und schon damals hat es mich sehr zum Nachdenken gebracht. Vielleicht war es dieses eine Buch, weshalb ich heute so denke, wie ich es eben tue. Vielleicht auch nicht, ich kann es nicht sagen. Jedenfalls habe ich mir dieses Buch ausgeliehen, aber anstatt zu lesen, habe ich dann doch zurück in Bamenda ein paar Filme angeschaut. Wieso ist das so wichtig und was hat das mit Motivation zu tun? Ich versuche, es zu erklären: Weil man die Wahl hat. Als ich losgelaufen bin ins Büro, habe ich das Buch direkt eingepackt. Das ist doch total bekloppt. Woanders kann ich lesen, aber zu Hause nicht? Ich glaube, es hat auch etwas mit dem Alleinsein zu tun. Wenn ich auf meinem Laptop einen Film schaue, dann zieht mich dieser Film in eine eigene Welt. Ich sehe die Bilder wirklich, ich höre echt Stimmen. Lese ich aber ein Buch, spielt sich alles nur in meinem Kopf ab und das Risiko ist höher, dass mir das Alleinsein bewusst wird. Wenn ich das Buch aber mitnehme und es auf der Veranda vom Yop-Büro lese, kann es sein, das Leute vorbeikommen und mit mir reden, mich ablenken. Ich bin nicht allein, wenn ich lese. Das sind verquerte Gedanken, dessen bin ich mir bewusst und es ist keine Schande, mir nicht folgen zu können.
Um an meinen letzten Blogeintrag anzuschließen, ich habe mich letztendlich dann für meine traditionelle Hose und ein schlichtes schwarzes Top entschieden, um den Politiker zu treffen. Das Abendessen selbst lief etwas anders ab als erwartet, aber so ist das ja meistens. Es war nett, aber irgendwie nicht berichterstattungswert. Im Regen wurde ich dann von meinem Bike-Fahrer nach Hause gebracht, der mir sogar seine Regenjacke auslieh! Dank an meinen Okada-Fahrer.
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