Mir kommt es so vor, als würde ich jeden Tag aufs Neue feststellen, wie schnell die Zeit doch vergeht. Eric fliegt nächste Woche wieder nach Hause, das heißt, schon wieder sind drei Monate vorüber. März, April, Mai, Juni, Juli. Das sind grade mal noch fünf kurze Monate. Oder sind es immer noch fünf lange Monate? Um ganz ehrlich zu sein, manchmal wünsche ich mir nichts mehr als mal eben nach Hause zu fliegen, alle in den Arm zu nehmen und zu sehen, das auch die Heimat noch in Ordnung ist. Aber das geht eben nicht. Außerdem will ich das gar nicht wollen. Ich habe hier Spaß. Ich habe hier eine Arbeit, die mir meistens Freude bereitet und in die ich, wenn Eric weg ist, auch wieder Ordnung bringen werde. Nicht, das er Chaos bereitet hat. Aber es ist eben doch eine ganz andere Situation, wenn man der einzige Europäer in einer Organisation ist oder man zu zweit ist, denn wir sprechen die gesamte Zeit deutsch miteinander und kennen uns einfach. Ich weiß, dass er lieber länger schläft anstatt zu frühstücken. Ich weiß, dass er die Sojamilch lieber mit Fruchtgeschmack trinkt als pur. Ich weiß, dass er Erdnusssoße am liebsten ohne Fisch ist, am besten jeden Tag. Und noch so einiges anderes. Diese Details sind zwar nicht lebensnotwendig, aber sie führen doch zu einem ganz anderen Umgang miteinander, den man auch in der Umwelt weiterführt. Und so bin ich froh, dass mich die Leute an der Arbeit selbst kennenlernen dürfen, indem sie mich fragen, ob ich Sojamilch lieber pur oder lieber mit tropischen Früchten trinke.
Für die nächste Zeit habe ich mir vorgenommen, den Garten noch gemütlicher zu gestalten. Denn dieser kleine Gemüsegarten sieht zwar schnuckelig aus, aber macht das Gesamtbild auch nicht wirklich schöner. Und da sowieso bald die Regenzeit anfängt, werde ich in Buea ein paar schöne Blumen, Büsche und Palmen besorgen und sie im Garten anpflanzen. Ich will es das letzte halbe Jahr so richtig schön gemütlich haben, mich, wenn es mal nicht regnet, raus in einen Garten legen können und mich freuen, ein Jahr in Kamerun zu verbringen. Übrigens: Eine der 50 Sonnenblumen hat es geschafft, endlich in der Blüte zu stehen. Und zwar keine von den 49, die ich immer schön gegossen habe. Der eine Kern, der aus Versehen auf dem Komposthaufen gelandet ist, prangt nun mit wunderschöner Sonnenblumenblüte vom welken Salat, Ananasschale und Kartoffel-Pellen auf uns herab.
Am vergangenen Freitag haben wir uns aufgemacht nach Buea und Limbe, damit Eric vor seiner Abreise auch noch etwas anderes zu Gesicht bekommt als Bamenda. Damit wir genügend Zeit am Wochenende haben, sind wir bereits Freitagnacht losgefahren und morgens um acht Uhr standen wir bei Lisa in Buea im Wohnzimmer, um kurz darauf dann beinahe vier Stunden nach Limbe zu wandern. Zunächst sind wir durch die letzten Häuschen in Buea spaziert, später für drei Stunden durch Teeplantagen und noch ein Stück am Dschungel entlang, jedoch dieses Mal ohne unsere Vorfahren (Affen) zu sehen. Je länger wir liefen, umso tropischer und feucht-heißer wurde das Klima und die Anzahl der Moskitos nahm auch beständig zu. Als wir Limbe erreichten, wurden wir in einer schwäbischen Kochsession begrüßt. Da Jana aus Stuttgart kommt, hatten ihr ihre Eltern Maultaschen dagelassen. Dazu gab es Spätzle, Kartoffelsalat und noch einige andere Leckerbissen. Es hat gut geschmeckt, keine Frage, aber es war auch nicht so, das mich das Essen vom Hocker gehauen hätte. Vielleicht liegt es daran, dass ich als gebürtige Kasselerin nicht den Draht zu Spätzle&Co habe, wie manche anderen. Jedenfalls wurde aus dem Essen schnell eine internationale Party. Kamerun, von Nord- bis Süddeutschland, Costa Rica, Großbritannien, Kanada, wir kamen aus aller Welt und eines steht fest: Party zu machen lernt man wahrscheinlich überall auf dieser Erde. Mein Musikgeschmack, den ich selbst lange für „anders“ hielt, kam überraschend gut an und so hielten Lisa und ich uns für Stunden auf der Wohnzimmertanzfläche auf. Die Jungs waren dann irgendwann einfach verschwunden und kamen später in der Nacht mit unzähligen Soya-Spießen wieder. Soya ist gegrilltes Cow-Meat mit Zwiebeln und natürlich viel Pepper. In der Nacht wurde auch über das Mysterium „Huhn“ ein Fachbuch geschrieben, denn wusstet ihr, dass Hühner am liebsten in Bäumen schlafen? Ja, wirklich. In der Zeit, bevor die Hühner zur Bodenhaltung gezwungen wurden und am Ende als Grillhähnchen verspeist wurden, haben sie die meiste Zeit wie alle anderen Vögel auch in Bäumen verbracht. Jedenfalls haben wir einige Hühner schlafend in Bäumen entdeckt. Für die meisten endete die Feier (einen Anlass gab es übrigens nicht, höchstens der Spaß an der Freude) auf einem Matratzenlager auf der ehemaligen Tanzfläche, für vier Nachtaktive (mich inklusive) gings noch auf einen Kurztrip an den Strand, Nachtbaden. Sich an den bewachten Strand zu schleichen und dann ins kühle Wasser zu springen hat der Party dann ein wunderbares Ende bereitet und mit dem Motorrad ging es durch die angenehm frische Morgenluft auch endlich aufs Matratzenlager zu den anderen 20 Leuten.
Kein Stückchen verkatert trotz Glühweins am Vorabend haben wir uns am Sonntagmorgen relativ früh an den Strand gemacht in einem kleinen Fischerdorf ein kleines Stück weg von Limbe. So einen Strand habe ich in meinem Leben noch nie gesehen (Im Reiseführer steht zwar, Kribi hätte die schönsten Strände, aber das kann ich nur verneinen). Von der Straße runter zum Ufer ist man umgeben von Bananen- und Kokosnusspalmen, bis sich zur linken ein endlos scheinender brauner Sandstrand erstreckt. Man kann weit ins Wasser hineinlaufen, bis man schwimmen muss. Zur rechten Seite gibt es große Felsen, an denen kleine rote Anemonen hängen, Muscheln am Stein kleben und Krebse in den Felsspalten verschwinden. Der Strand ist sauber, nirgends liegt auch nur ein Fetzen Papier herum und in einer kleinen Bar in einer Bambushütte wird frischer Fisch gegrillt. Phil, den wir mitgenommen hatten, weil er in seinem ganzen Leben noch nie am Meer war, war völlig außer Atem vor Freude. Als wir ihm vor einer Woche verkündeten, dass wir ihn gerne mit nach Limbe nehmen würden, war er so gerührt, das ihm die Tränen in die Augen schossen. Und jetzt stand er da auf einem Felsen am Meer und rief „Fotografiert mich, sonst glaubt mir niemand, das ich am Meer war“. Dann machten wir uns endlich auf ins Wasser und kamen auch so schnell nicht wieder heraus.
Ja Mama, ich habe genügend Sonnencreme aufgetragen ;-)
Später sind wir drei aus Bamenda dann über die Felsen geklettert und haben versucht in den Felsspalten, in denen sich Wasser gesammelt hatte, Fische zu fangen, unsere Namen in riesigen Lettern in den Sand geschrieben, Sandburgen gebaut und unser Alter komplett vergessen. Zum Abendessen gab es, selbstverständlich, gegrillten Fisch und ich will, das sich meine Oma Lore den nächsten Satz noch einmal durchliest: Ich habe Fisch gegessen, den besten Fisch („Red Snapper“) den ich je gegessen habe; ich weiß, ich war in meinem letzten Jahrzehnt nicht die Fischesserin schlechthin, aber dieser Fisch… Wow! Da saßen wir also, in einer bunten Truppe aus aller Welt in einer Bambushütte am fast leeren Strand und haben im Sonnenuntergang frischen Fisch mit den Fingern gegessen. Das war das Paradies. Zu paradiesisch, so dass ich vergessen habe, Fotos davon zu machen. Mit dem Taxi sind wir abends zurück nach Buea und am Montagmorgen haben wir uns in aller Frühe zurück auf den Weg nach Bamenda gemacht.
Back at Home durften Eric und ich am Dienstag endlich unsere lang ersehnte Aufgabe beginnen, nämlich den SHUMAS- Ausstellungsraum umgestalten. Nachdem alle Schränke ausgeräumt und alle Möbel beiseite geschoben wurden, ging es mit Pinsel und Farbe am Mittwoch dann endlich ans Werk. Es macht Spaß, sich endlich mal wieder an der Arbeit körperlich zu betätigen und nicht immer nur am Laptop zu sitzen oder an den Tischen in der Werkstatt.
Heute Abend wird es ein besonderer Abend für mich sein, denn ein deutscher Bundestagspolitiker von den Grünen wird nach Bamenda kommen und ich habe ein Abendessen organisiert. Der Politiker ist auf einer Kamerun-Reise und ich werde die einzige Weltwärts-Freiwillige sein, die er zu Gesicht bekommen wird. Höchste Anspannung meinerseits. Welches Bild werde ich ihm vermitteln und vor allem: WAS ZIEHE ICH AN?
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